Gabriele Gün Tank: Willkommen in der Gesellschaft der Vielfalt

Gabriele Gün Tank ist seit 2007 Integrationsbeauftragte des Bezirks Tempelhof-Schöneberg. (Foto: KEN)

Tempelhof-Schöneberg. Gabriele Gün Tank empfängt zum Interview in ihrem kleinen Büro im Rathaus Schöneberg. Seit 2007 ist die Journalistin und Tochter der Linken-Bundestagsabgeordneten Azize Tank Integrationsbeauftragte im Bezirk. Berliner-Woche-Reporterin Karen Noetzel sprach mit ihr.

Was hat Sie bewogen, sich um dieses Amt zu bewerben? Was bedeutet Integration für Sie?

Gabriele Gün Tank: Die Themen Migration, Einwanderungsgeschichten und Rassismus waren schon immer ein Teil meines Lebens. Ich benutze den Begriff Integration aber etwas anders als viele andere. Ich spreche von der Integration der Mehrheitsgesellschaft in die Gesellschaft der Vielfalt. Das ist vielleicht ein etwas inklusiverer Gedanke.

Was antworten Sie Heinz Buschkowsky, der Multi-Kulti für gescheitert hält?

Gabriele Gün Tank: "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind", sagte einst Albert Einstein. Ich habe ein anderes Bild von den Kiezen, in denen ich mich bewege. Selbstverständlich gibt es auch Probleme, Nachbarschaftsprobleme. Viel zu oft werden aber Probleme ethnisiert. Wir sind eine große Stadt. Hier treffen Menschen aufeinander, die gemeinsam was machen wollen und es gibt Menschen, die lieber für sich bleiben. Das macht halt das Stadtleben aus. Aber diese Menschen gibt es genauso in Zehlendorf, Neukölln sowie in Marzahn-Hellersdorf oder auch hier bei uns.

Es gibt also keine Parallelgesellschaft?

Gabriele Gün Tank: Es gibt viele Parallelgesellschaften. Wir haben in Zehlendorf auch eine Parallelgesellschaft. Parallelgesellschaften sind Teil eines Stadtbilds. Wir haben manchmal zu viele Erwartungen.

Wie sieht Ihre tägliche Arbeit aus?

Gabriele Gün Tank: Ich übe eine Brückenfunktion zwischen der Verwaltung und allen Bürgern aus, speziell Migrantenorganisationen. Ich unterstütze sie bei der Umsetzung von Ideen. Ich bin in zahlreichen Gremien unterwegs. Wir haben beispielsweise die Tempelhof-Schöneberger Arbeitsgemeinschaft der Immigranten- und Flüchtlingsprojekte, die seit mehr als 20 Jahren tagt. Ich berate die Bürgermeisterin und nehme an den Sitzungen des Integrationsausschusses teil.

Können Sie konkrete Beispiele Ihrer Arbeit nennen?

Gabriele Gün Tank: Wir haben die Veranstaltungsreihe "CrossKultur" gemeinsam mit der Leiterin des Fachbereichs Kunst, Kultur und Museen, Petra Zwaka, entwickelt. Migrantenorganisationen werden durch Lesungen, Theater, Seminare und Workshops sichtbarer. Wir hatten am 21. März, dem Internationalen Tag gegen Rassismus, eine Veranstaltung im Übergangswohnheim Marienfelde. Wir haben gemeinsam mit den Bewohnern Ballons in die Luft fliegen lassen, um auf das Problem mit Rassismen in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen. Auch haben wir gemeinsam das Neujahrsfest "Newroz" gefeiert.

30 Prozent der Bevölkerung haben einen Migrationshintergrund, bei den unter 18-Jährigen sogar 50 Prozent. Wo hat in Tempelhof-Schöneberg Integration gut funktioniert und wo liegt noch Arbeit vor Ihnen?

Gabriele Gün Tank: Viele Vereine und Träger sind seit vielen Jahren im Bezirk tätig. Sie haben aber zu wenige Ressourcen. Wir versuchen, sie zu stärken und sind teilweise auch erfolgreich. Aber es gibt noch eine Menge zu tun. Ein weiteres Beispiel ist das Interkulturelle Haus in Schöneberg. Dort wird sehr viel Raum gegeben, damit sich Menschen qualifizieren oder einfach wohlfühlen. Natürlich haben wir auch Probleme. Es werden Stolpersteine beschmiert. Ich habe zig Beschwerden von Frauen, die Kopftuch tragen und deshalb angepöbelt werden oder denen bei der Jobsuche sehr deutlich zu verstehen gegeben wird, dass sie wegen des Kopftuchs nicht genommen werden.

Kommt mal der Tag, an dem Sie und Ihr Amt überflüssig werden?

Gabriele Gün Tank: Das würde ich mir wünschen. Aber ich glaube es nicht. Pegida oder Bergida sind nicht aus dem Nichts gekommen.

Wie sieht die künftige Integrationsarbeit aus?

Gabriele Gün Tank: Der Fokus der nächsten Jahre wird wohl auf den Flüchtlingen liegen. Sehr viele Bürger sind hier aktiv. Es haben sich Netzwerke gebildet, beispielsweise in Lichtenrade. Es sind viele Ideen entwickelt worden, seien es Tandem-Sprachkurse - man bringt sich gegenseitig die Sprachen bei -, sei es, dass man einfach nur gemeinsam kochen möchte.


Karen Noetzel / KEN
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