Auch ohne Opernhaus: Schöneberg ist Musik-Kiez

David Bowie lebte zwei Jahre lang im ersten Obergeschoss der Hauptstraße 155. (Foto: Liptau)

Schöneberg. Ein echter Schöneberger ist der, der möglichst viele Namen bekannter ehemaliger Bewohner aufzählen kann. Jeder Kiez hat hier seine ganz besonderen Persönlichkeiten und Geschichten. Das betrifft allerdings nicht nur Physik-Nobelpreisträger oder heutige Bundespräsidenten: Im Altbezirk wurde seit je her auch Musikgeschichte geschrieben.

Unauffälliger könnte ein Pilgerort für echte Fans kaum sein: An der Hauptstraße wird immer wieder ein Wohnhaus fotografiert, das nicht anders aussieht als die anderen. Keine auffälligen Besonderheiten, nicht mal eine Gedenkplakette. Wer hier fotografiert, muss wissen, was er vor sich hat: In der Hausnummer 155 lebte vom Sommer 1976 an für zwei Jahre der britische Musiker David Bowie mit seinem Kumpel Iggy Pop. Im Kiez kursieren heute noch die wildesten Geschichten über die Zeit. Wer ein richtiger Star ist, lässt eben immer auch ein wenig Legende zurück. Tatsächlich hat sich aber auch David Bowie selbst erst kürzlich wieder öffentlich an seine Berliner Zeit und an Schöneberg im Besonderen erinnert. In dem Stück "Where are we now" auf seiner erst in diesem Jahr veröffentlichten neuen Platte singt er "Sitting in the Dschungel/On Nurnberger Strasse/A man lost in time/Near KaDeWe." Der "Dschungel" war Ende der 70er-Jahre ein legendärer Club an der Nürnberger Straße, da, wo sich heute das Ellington-Hotel befindet. Noch ein Ort in Schöneberg ist eng mit der Geschichte von David Bowie und Iggy Pop verbunden: die Café-Bar "Neues Ufer" nahe der ehemaligen Wohnung der beiden Musiker. Damals unter dem Namen "Anderes Ufer" war es das erste Café in Berlin, das explizit - und von außen einsehbar - von Schwulen besucht wurde. Iggy Pop und Bowie saßen hier regelmäßig demonstrativ im Fenster und drückten so ihre Sympathie mit den Homosexuellen aus. Damit haben sie zwar nicht unbedingt Musikgeschichte geschrieben. Aber sie haben sich aktiv in die gesellschaftlichen Wandlungsprozesse der Zeit - und damit auch in die jüngste Geschichte Schönebergs - eingemischt.

Der "Import" internationaler Musik und dem zugehörigen Lebensgefühl nach Schöneberg hatte zu diesem Zeitpunkt übrigens schon Tradition. Denn mit dem "Rundfunk im amerikanischen Sektor" (RIAS) war schon Ende der 1940er-Jahre ein modernes Musik- und Unterhaltungsprogramm an den heutigen Hans-Rosenthal-Platz gezogen. Neben der politischen Bedeutung des Senders für West- wie auch für Ostberlin wurde hier auch ein beispielgebendes Unterhaltungsprogramm entwickelt, etwa mit dem RIAS-Kammerchor und dem RIAS-Sinfonieorchester. Mit der Reihe "Schlager der Woche", die der Sender 1949 startete, gilt er heute als Erfinder des Hitparaden-Formats im deutschen Radio. Vor dem Umzug in das Funkhaus war der Sender übrigens unter dem Namen "Drahtfunk im amerikanischen Sektor" im Fernamt in der Winterfeldtstraße untergebracht. Und die liegt bekanntlich in: Schöneberg.


Ralf Liptau / flip
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