Bezirkspolitiker legten Kranz nieder

Bürgermeisterin Angelika Schöttler und die stellvertretende BV-Vorsteherin Martina Zander-Rade haben am Freitag einen Kranz niedergelegt. (Foto: Liptau)

Schöneberg. Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD) und die stellvertretende BV-Vorsteherin Martina Zander-Rade (Bündnis 90/Grüne) haben am Freitag in der Münchener Straße an die Reichspogromnacht von 1938 und die Verfolgung von jüdischen Mitbürgern in Schöneberg erinnert.

Der Ort scheint auf den ersten Blick unspektakulär. Denn hier ist eigentlich gar nichts mehr. Aber gerade das symbolisiert so eindrücklich die grausame Geschichte des Holocaust im Bezirk, vor allem im Bayerischen Viertel. Von 1909 bis 1956 stand auf dem jetzigen Schulhof der Löcknitz-Grundschule in der Münchener Straße eine Synagoge. Die Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 überlebte sie nur, weil sie in ein Wohnhaus eingebaut war. Dass sie dennoch 1956 abgerissen wurde, führt vor Augen: Im Bayerischen Viertel gab es nach dem Zweiten Weltkrieg keine Notwendigkeit mehr für eine Synagoge. Denn in dem Viertel, das vorher von jüdischem Leben deutlich geprägt war, gab es nach 1945 keine Juden mehr.

Seit 1963 erinnert eine abstrakte Skulptur aus ineinander geschobenen Steinkuben mit einem eingemeißelten Chanukka-Leuchter auf dem Grundstück Münchener Straße 34-38 an die abgerissene Synagoge. Und am Freitag erinnerte Bürgermeisterin Angelika Schöttler zum Jahrestag der Pogromnacht daran, dass die Judenhetze auch hier im Bezirk "als Unrecht vor aller Augen" geschehen sei. Deshalb sei es umso wichtiger, "über das Unfassbare zu sprechen und über die Geschichte aufzuklären". Sie sieht heute wieder "viele Anzeichen für die Zunahme rechtsextremer Aktivitäten". Auch in Tempelhof-Schöneberg brauche es aus diesem Grund "eine Kultur des Gedenkens und keine Schlussstrich-Politik".

Im Bayerischen Viertel sieht sie diese Kultur gegeben. Die Backsteinmauer, die die jeweiligen Fünftklässler der Löcknitz-Grundschule seit 1994 immer weiter bauen und bei der sie jeden Stein namentlich einem ermordeten Juden aus dem Bayerischen Viertel widmen nannte die Bürgermeisterin "ein beispielgebendes Projekt für eine gelungene Erinnerungsarbeit".

Bekannt ist das Bayerische Viertel für seine Erinnerungskultur zudem durch das Denkmal "Orte des Erinnerns" der beiden Künstler Renata Stih und Frieder Schnock. Seit rund 20 Jahren wird dabei anhand von 80 über den Kiez verteilten Schildern an die systematische Ausgrenzung und Verfolgung jüdischer Mitbürger im Bayerischen Viertel erinnert.


Ralf Liptau / flip
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