"Erinnerungssalons" ehren Verstorbene

Schöneberg. Es gehe ihm um "das Leben, das hinter dem Tod steckt": Gerhard Moses Heß veranstaltet mit dem Förderverein "Efeu" monatlich einen "Salon der Erinnerung", der jedes Mal einer anderen Person auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof gewidmet ist.

Der Friedhof an der Großgörschenstraße ist seit Jahren bekannt für das, was Gerhard Moses Heß eine "neue Trauerkultur" nennt. Als vor sechs Jahren der Förderverein "Efeu" gegründet wurde, eröffnete mit dem "finovo" deutschlandweit das erste Café auf einem Friedhof. Außerdem gibt es hier seither zahlreiche kulturelle Veranstaltungen und jede Menge Führungen zu berühmten Gräbern. Erst kürzlich waren in zahlreichen Medien die Gräber der Brüder Grimm zu sehen, weil die beiden vor 200 Jahren ihre Märchen veröffentlicht haben.Gerhard Moses Heß geht es bei seinen "Salons der Erinnerung" allerdings weniger um die ohnehin schon gefeierten Berühmtheiten auf dem Friedhof. Sondern um diejenigen, die im Laufe der Jahre ein wenig in Vergessenheit geraten sind. Immer am ersten Sonnabend im Monat veranstaltet er einen Nachmittag, an dem zunächst im Café "finovo" über die jeweilige Person gesprochen wird, bevor die Gruppe zum Grab aufbricht. "Dazu kommen jedes Mal interessierte Gäste aber auch Personen, die mit dem Toten zu tun hatten", sagt Heß. Also Angehörige, Weggefährten oder sonstige Zeitzeugen.

Im jetzt endenden Jahr hat er beispielsweise einen Nachmittag für die vor 90 Jahren verstorbene Frauenrechtlerin Minna Cauer gestaltet. "Sie war enorm wichtig für die Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts und hat hier sogar ein Ehrengrab des Landes Berlin", so Heß. Trotzdem sei sie weitgehend vergessen, das Grab sehe öde aus. "Meine Veranstaltungen dienen einerseits dazu, die Menschen wieder in Erinnerung zu rufen. Andererseits sollen sie auch Anstoß dafür sein, die Grabstätte neu zu gestalten." Für den Cauer-Nachmittag haben die Mitglieder des Fördervereins das Grab provisorisch geschmückt, nun will sich die Urenkelin für eine dauerhafte Neugestaltung einsetzen.

Im Januar wird es einen Erinnerungssalon für den 1996 verstorbenen Sänger Rio Reiser geben. Der Haupttexter der Band "Ton Steine Scherben" war 2011 von Nordfriesland nach Schöneberg umgebettet worden. Die Veranstaltung findet ausnahmsweise an einem Mittwoch statt: Rio Reiser hatte am 9. Januar Geburtstag.

Der Erinnerungssalon beginnt 15 Uhr im Café "finovo", Großgörschenstraße 12-14. Eintritt ist frei, Spenden sind willkommen. Mehr Informationen unter www.efeu-ev.de

Ralf Liptau / flip
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