Seit 20 Jahren gibt es die "Orte des Erinnerns"

Rund 80 Tafeln wie diese in der Berchtesgadener Straße erinnern an die Diskriminierung der jüdischen Mitbürger. (Foto: KEN)

Schöneberg. "Juden werden aus dem großdeutschen Schachbund ausgeschlossen" hieß es am 9. Juli 1933. Das ist nur ein Tafel-Beispiel von rund 80. Im Jahr 1993 wurde in Schöneberg ein ungewöhnliches dezentrales Denkmal eingeweiht.

Seit nunmehr 20 Jahren trägt es unter dem Titel "Orte des Erinnerns im Bayerischen Viertel: Ausgrenzung und Entrechtung, Vertreibung, Deportation und Ermordung von Berliner Juden in den Jahren 1933 bis 1945" zur Erinnerungsarbeit bei.Die markanten Schilder rund um den Bayerischen Platz sind in drei Metern Höhe an Lampenmasten montiert. Auf der einen Seite findet der Betrachter bunte Darstellungen. Auf der anderen kann er Auszüge aus anti-jüdischen Gesetzen und Verordnungen aus den Jahren der Nazi-Diktatur lesen. "Die Texte und Bilder auf den Tafeln konfrontieren die Passanten mit der fast vergessenen Geschichte dieses Viertels", so die Künstler Renata Stih und Frieder Schnock, die die jeweils 50-mal 70 Zentimeter großen Tafeln geschaffen haben. Ihr Projekt wurde 1992 aus einem Ideenwettbewerb des Senats und des Kunstamts Schöneberg ausgewählt.

Um den Bezug zur Gegenwart herzustellen, orientieren sich die Tafeln nicht an bestimmten Orten der Erinnerung, sondern am heutigen Stadtbild. Drei große Tafeln am Rathaus Schöneberg, am Bayerischen Platz und vor der Scharmützelsee-Grundschule in der Münchener Straße informieren über die Standorte aller einzelnen Schilder.

Viele Besucher seien bestürzt, wenn sie die Gesetze und Verordnungen gegen Juden unkommentiert auf den Tafeln lesen, sagt Bürgermeisterin Angelika Schöttler (SPD). "Es empört, es regt zum Denken an. Wir werden das Leid der Juden im Nationalsozialismus nicht vergessen. Ihr Schicksal wach zu halten, sich zu erinnern und zu mahnen ist demokratische Verpflichtung."

Das dezentrale Denkmal will an die schrittweise Diskriminierung und Entrechtung der jüdischen Mitbürger erinnern, die sich in Demütigungen des Alltags widerspiegelte. Es will zeigen, dass die Vernichtung der Berliner Juden ein schleichender Prozess war, der in Verschleppung und Massenmord endete.

Das Flächendenkmal hat inzwischen auch internationale Aufmerksamkeit erlangt - ganz besonders bei jungen Menschen.


Karen Noetzel / KEN
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