Ein Damenkränzchen als Lebenshilfe

Nach jedem Frauenfrühstück gehen (v.l.) Birgit, Ulla, Erika und Sigrid in die Kleiderkammer der WoTa. In ihrer Mitte die Sozialarbeiterin Vera Witthohn-Pose. Foto: KEN
Berlin: Wohnungslosentagesstätte Schöneberg |

Schöneberg. Sieben Frauen sitzen an einem hübsch gedeckten Frühstückstisch. Alle sehen adrett aus, plaudern angeregt über Gott und die Welt. Das nette Damenkränzchen in Café-Atmosphäre aber ist ein Hilfsangebot für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohten Frauen.

Jeden ersten Donnerstag im Monat von 11 bis 12.30 Uhr ist Frauenfrühstück in der Wohnungslosentagesstätte Schöneberg (WoTa). Birgit, Ulla, Erika, Sigrid und die anderen sind aus Wedding, Buch, Charlottenburg, Lichtenrade und anderen Berliner Ortsteilen in die Gustav-Freytag-Straße 1 gekommen. Mit ihnen am Tisch sitzt als Gleiche unter Gleichen Vera Witthohn-Pose. Sie ist Sozialarbeiterin des gemeinnützigen Unionhilfswerks, das die Tagesstätte betreibt.

Hier können die Frauen, die mit einer Grundsicherung von knapp 400 Euro zurechtkommen müssen oder gar nichts haben, für eine kleine Weile abschalten und sich austauschen: über private Probleme, Beziehungen und Familie, Gesundheit und Ernährung, Fragen zu Hartz-IV oder die allgemeine Wohnsituation. Überraschenderweise wird viel gelacht und gescherzt. Man nennt sich beim Vornamen. Die Gemeinschaft funktioniert, der Alltag ist vergessen.

„Zwei aus der Gruppe sind obdachlos, die anderen leben in prekären finanziellen Verhältnissen. Sie sind isoliert und einsam", erzählt Vera Witthohn-Pose. Denn in den meisten Fällen gibt es keinen Kontakt zur Familie mehr. „Hier können sie ihre Probleme angstfrei und vor allem ohne Männer besprechen“, erklärt die Sozialarbeiterin das niederschwellige WoTa-Angebot.

„Im Gegensatz zu den vielen anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe wird die WoTa in Schöneberg überdurchschnittlich häufig von Frauen besucht“, sagt Unionhilfswerkssprecherin Katrin Dietl. In der Gustav-Freytag-Straße seien rund 15 Prozent der Besucher weiblich. Üblich seien sonst unter fünf Prozent. Die Zahl wohnungsloser Frauen nehme zu, so Sozialarbeiterin Witthohn-Pose. Sie lebten aber in der sogenannten verdeckten Wohnungslosigkeit, bei Bekannten, Verwandten oder Freunden, was wiederum weitere und große Pro-bleme mit sich bringe.

„Frauenspezifische Angebote müssen Bestandteil der sozialen Arbeit sein“, so Vera Witthohn-Pose. Das schöne Projekt „Frauenfrühstück“ oder andere gemeinsame Aktivitäten für alle Besucher der Einrichtung wie der Besuch kultureller Veranstaltungen, Ausflüge, Dampferfahrten, kleine Reisen oder die Fahrradwerkstatt würde die Wohnungslosentagesstätte unter Leitung von Ralf Schönberner gerne noch häufiger anbieten. „Dafür fehlen derzeit aber die Mittel“, bedauert Katrin Dietl. Ein weiteres Problem stelle häufig die medizinische Versorgung da. KEN

Mehr dazu in der Wohnungslosentagesstätte Schöneberg, Gustav-Freytag-Straße 1, Öffnungszeiten: Mittwoch bis Sonntag, 13-18.30 Uhr,  211 79 56, Internet: wota@unionshilfswerk.de, www.unionhilfswerk.de.
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