Hier ist das Wohnen ein Albtraum

Ein Altmieter hat den Müllberg im Hof im Bild festgehalten. (Foto: privat)

Schöneberg. Neulich hat ein Junge aus dem Haus vor der Haustür gekotet. Im Hof liegen zerschlissene Matratzen und Berge von stinkendem Müll. Massenschlägereien sind an der Tagesordnung. Kaum zu glauben, aber das geschieht in Schöneberg.

Langjährige Mieter sitzen bei einer Nachbarin zusammen und erzählen von den skandalösen Missständen in der Grunewaldstraße 87. Vom Lärm jede Nacht, von Wohnungen ohne Wasser und Strom, von verdreckten Toiletten in den Hausfluren, die nicht funktionieren und zum Teil herausgerissen sind, von Löchern in Zimmerdecken.

Ein älteres Ehepaar im Hochparterre wohne nach einem versuchten Einbruch vorübergehend beim Sohn. Das Ehepaar saß vor dem Fernseher. Die, die die Wohnung aufbrechen wollten, waren aus dem Haus.

Am 1. April habe die Polizei in einer Wohnung acht Hühner beschlagnahmt, so ein Mieter, der hier schon 43 Jahre lebt. Zwei weitere Tiere seien kurz zuvor im Hof geschlachtet worden. Der Mann zeigt ein Foto mit einem abgetrennten Hühnerkopf in einer großen Blutlache. Am 9. April musste die Polizei gegen 23 Frauen einschreiten, die sich im Hof mit Fäusten traktierten. Auch die nähere Umgebung ist von den Zuständen betroffen. Geschäfte werden überfallen. Manche ziehen fort.

Der Albtraum hat im Oktober vergangenen Jahres begonnen. "Da waren sie plötzlich alle da", so eine junge Frau aus dem Haus. Menschen aus Rumänien, Bulgarien und Serbien. Mit Bettzeug und Matratzen seien nach und nach gut 200 Personen, darunter mehr als 70 Kinder, in die etwa 24 jahrelang leerstehenden Wohnungen gezogen. Das Haus hat insgesamt 43 Wohnungen. Seit Jahrzehnten wurde hier nichts saniert.

Auch die Neumieter zahlen Miete, so der Berliner Mieterverein: zwölf Euro je Quadratmeter. Die Verträge seien auf wenige Monate befristet. "Über eine Mittelsperson werden Schlafplätze tageweise vermietet", vermeldet das "Mieter-Magazin" des Vereins.

Wer sich beschweren will, weiß nicht wo. Die Hausverwaltungen wechseln ständig. Oder er wird als "Rassist" und "Nazi" beschimpft und bedroht. Neuerdings mischten sich Roma-Aktivisten ein, erzählt eine junge Frau aus dem Haus.

Das Bezirksamt kennt die Situation. Sie sei jedoch nicht "mit einem Fingerschnippen erledigt", sagt die zuständige Stadträtin Sibyll Klotz (Bündnis 90/Grüne). "Wir können nur begrenzt etwas tun." Was das Bezirksamt tun könne, tue es mit Nachdruck, so Klotz. "Sonst wäre es noch schlimmer."

Nach mehreren runden Tischen finden jetzt regelmäßig amtliche Begehungen statt. Der Eigentümer wird aufgefordert, innerhalb einer Frist die Missstände zu beseitigen. "Was er auch tut", sagt Sibyll Klotz. Doch schnell sieht es im Haus wieder so aus wie vorher.

Für die Polizei ist das Haus ein Problemfall. Pressesprecher Thomas Neuendorf berichtet von 50 Einsätzen in den ersten drei Monaten des Jahres. Für die Beamten des zuständigen Abschnitts sei die Grunewaldstraße 87 ein regelmäßiger Kontrollpunkt auf ihren Streifenfahrten. Einschreiten könne die Polizei allerdings nur, wenn gegen eine bestimmte Person etwas vorliege. "Eine Razzia ohne konkreten Anlass ist rechtlich nicht möglich", so Neuendorf.

Die Altmieter wollen jetzt juristisch gegen die ihnen aufgezwungenen Wohnverhältnisse vorgehen. Sie fürchten, dass sie vertrieben werden sollen, damit aus ihren Miet- Eigentumswohnungen werden können. Und zwischendurch verdiene sich der Eigentümer noch einen dicken Euro.


Karen Noetzel / KEN
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