Sich an kleinen Dingen erfreuen: Das Volksblatt weckte meine Sammelleidenschaft

Vor allem Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre zierte der "Wetterbär" das Spandauer Volksblatt. (Foto: Repro Christian Hahn)
 
Egal ob Schauer oder örtlicher Nebel, das Wetterbärchen durfte in keiner Ausgabe – hier 1949 – fehlen. (Foto: Repro Christian Hahn)

Meine Geschichte ist nicht sehr spektakulär, aber sie verschaffte mir damals – so zwischen 1947 bis 1951 – viel Freude.

Mein Vater war bis 1953 arbeitslos und wie zu der Zeit üblich, konnte sich kaum einer etwas über den normalen Lebensunterhalt hinaus leisten. Doch auf eins wollte mein Vater unter keinen Umständen verzichten, nämlich auf sein Spandauer Volksblatt. Wir besaßen zwar ein altes Radio aus der Vorkriegszeit, aber das funktionierte nicht und stand nur als Schaustück auf einem leeren Plattenschrank. Beide sind wir geborene Spandauer und vermutlich war das auch der Grund, warum sich mein Vater für das regionale Geschehen in unserer „Stadt Spandau” besonders interessierte. Als Arbeitsloser begab er sich zur Redaktion des Spandauer Volksblattes, in die Neuendorfer Straße 101, und erhielt als Abonnent einen Nachlass von 1 DM pro Monat, aber nur, wenn er sich täglich die Zeitung von hier abholte.

Da wir zu dieser Zeit zwei Gärten besaßen, je einen in der Roonstraße und in Tiefwerder, die uns mit saisonalem Obst und Gemüse versorgten, wurde mir die Aufgabe übertragen, jeden Tag nach der Schule von der ehemaligen Beseler Kaserne (15. Grundschule am Askanierring) aus das Spandauer Volksblatt vom Verlag abzuholen. Ich war darüber nicht sehr glücklich, lieber wäre ich mit meinen anderen Klassenkameraden zusammen nach Hause gegangen. Aber mein Vater duldete keinen Widerspruch, und jeder musste, so gut er konnte, sich für die Familie einbringen.

In meiner Schultasche befand sich eine kleine Karte aus Pappe (ca. 6 x 10 cm groß) auf der oben Spandauer Volksblatt stand, darunter der jeweilige Monat und nochmals darunter auf drei Reihen verteilt die Zahlen von 1 bis 31. Somit zog ich jeden Tag – außer, ich glaube es war montags – einsam meinen Weg hin zum Hafenplatz. Direkt an der Straßenfront befand sich neben einer Durchfahrt zur Druckerei der Eingang zur Geschäftsstelle des Verlages, wo man u. a. auch Anzeigen aufgeben und, so wie ich, mir die tägliche Zeitung für meinen Vater abholen durfte. Bald kannte man mich. Ein Stapel Spandauer Volksblätter lag vorne links am ersten Schalter. Ich legte die Abholkarte auf den Tisch, die oder der Bedienstete strich mit einem Kopierstift den Tag durch und man reichte mir die Zeitung. Eine ziemlich langweilige Angelegenheit. Die Inhalte und die Überschriften der Zeitung interessierten mich damals kaum. Doch eins gefiel mir als junger Steppke wohl.

Das war auf der Titelseite, ganz unten rechts oder links, der „Wetterbär”. Zu jeder Wetterlage gab es einen bestimmten Bären, ergänzt entweder mit einer Sonne, Wind, Regen, Blitz und Hagel oder Schnee und mit den zu erwartenden Temperaturen. Diese Bärenbilder faszinierten mich. Von nun an war für mich der Weg hin zum Spandauer Volksblatt immer mit einer gewissen Spannung versehen. Nach Erhalt wendete ich sofort die Zeitung und schaute mir den „Wetterbären” an. Ich glaube, ich strahlte noch im Geschäftsraum, wenn ein neuer Bär das Spandauer Volksblatt schmückte.

Da bekanntermaßen in jedem Menschen ein Sammler steckt, entpuppte sich fortan in mir eine „Wetterbären-Bilder-Sammelleidenschaft”. Ich schnitt sie alle sauber aus und sortierte sie in einer alten Zigarrenkiste.

Mein Freund Wolfgang im Nebenhaus wurde neugierig und wir pflegten von nun an gemeinsam dieses Hobby. Da seine Familie kein Spandauer Volksblatt abonniert hatte, war er, um seine Bärensammlung zu erweitern auf das alte Spandauer Volksblatt einer Nachbarin angewiesen. Meine Kiste war bald mit den unterschiedlichsten Wetterbären rappelvoll. Da ich den Umfang seiner verschiedenen Bären kannte, schenkte ich ihm von Zeit zu Zeit noch ein fehlendes Exemplar. Dieses gemeinsame Hobby festigte damals auch unsere Freundschaft. Man sieht an diesem kleinen Beispiel, dass ein Hobby nicht immer teuer sein muss.

Liebe Volksblatt-Reaktion. Schauen Sie einfach mal in die ganz alten „Volksblätter” und sagen sie ehrlich, waren diese Wetterbären nicht interessant und abwechslungsreich?

Helmut Kersten

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