Zeitung und Zeitgeschichte: Eine Reise durch sieben Jahrzehnte Spandauer Volksblatt

Der Titelkopf des „Spandauer Volksblatts“ vom April 1957 (Foto: Berit Müller)
 
„Giftmüll bedroht Spandau“ im Jahr 1992. Das Spandauer Volksblatt erscheint jetzt zweimal in der Woche und hat eine boulevardeske Aufmachung. (Foto: Berit Müller)
 
Im Juni 1975 feiert das Volksblatt „25 Jahre Filmfestspiele in Berlin“ – die Berlinale fand damals noch im Sommer statt. (Foto: Berit Müller)

Spandau. 70 Jahre Spandauer Volksblatt – das sind sieben Jahrzehnte Zeitungsgeschichte, sorgfältig abgeheftet im Stadtgeschichtlichen Archiv auf der Zitadelle. Wir haben uns beim Durchblättern alter Ausgaben auf eine Zeitreise begeben. Sie beginnt knapp zwei Jahre nach Erscheinen der Erstausgabe.

Lupe, Monokel oder sehr gute Augen brauchen die Leser des Spandauer Volksblatts im Jahr 1948. Papier ist rar und teuer, auf die täglich vier Seiten sollen möglichst viele Informationen passen. So klein die Schrift, so groß die Themen: die UNO, der Marshall-Plan, Preisexplosionen in den USA, die Krise um Berlin – die neuesten Nachrichten aus dem In- und Ausland bekommen die Berliner jeden Morgen zum Preis von 15 Pfennig. Bilder sind in den späten 40ern noch Mangelware, allenfalls ziert eine briefmarkengroße Schwarz-Weiß-Aufnahme den Titel. Den Zeitungskopf dominiert das „Volksblatt“ in Großbuchstaben, dass die Gazette aus Spandau kommt, ist erst auf den zweiten Blick ersichtlich. Die Rubriken heißen Weltgeschehen in Kürze, Lesertribüne oder Spiegel der Zeit. „Was wir meinen“ steht überm Kommentar, der schon mal einspaltig über eine ganze Seite 2 laufen kann. Fortsetzungsroman und Ratgeber-Texte finden auch noch Platz. Unter der Überschrift „Ist das Zimmer nicht so netter?“ liefern am 3. Januar 1948 drei Zeichnungen Einrichtungstipps für die kombinierte Wohn- und Schlafstube im Nachkriegsberlin.

Fast zehn Jahre später – 1957: Im Titelkopf „Spandauer Volksblatt“ fällt das erste Wort in schwarzer Fraktur-Schrift zuerst ins Auge, das zweite ist geschrumpft. Das Wappen der Zitadellenstadt prangt unterm Spandau-S, rechts oben präsentiert der Berliner Bär das Wetter. Die Buchstaben sind gewachsen, die Umfänge erst recht: 28 Seiten hat die Tageszeitung für Spandau und das Havelland Ostern  ’57, an „normalen“ Tagen im Schnitt zwölf. Zu den Nachrichten aus Politik und Wirtschaft gesellt sich der Sport – Fußball insbesondere. „Nur ein Wunder kann Südring noch retten“, mutmaßt das Blatt in einer Ausgabe, Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die Kicker in Aktion. Daneben werben Kaufhäuser mit großformatigen Anzeigen, ab Seite 5 werden die Themen unterhaltsamer, die Bilder häufiger. Es gibt Karikaturen, Witze und jede Menge Spandau-Themen. Die Rubrik „StadtGlocke“ zeigt am 26. April ein Foto der Carl-Schurz-Straße am Nachmittag: Da schieben sich Straßenbahnen, Lastwagen, Mofas, Limousinen, Radler und Fußgänger aneinander vorbei – ein einziges Verkehrschaos sei das, heißt es in der Bildunterschrift. Einziger Farbtupfer ist ein hellroter Schriftzug auf dem Titel, wenn der Zeitung der aktuelle „Filmspiegel“ beiliegt.

„Norddeutschland erstickte im Nebel (Seite 5)“ steht in weißen Großbuchstaben auf rotem Balken ganz oben auf dem Spandauer Volksblatt des 8. Oktober 1966. Beide Worte des Zeitungstitels darunter sind in schwarzen Lettern gedruckt und nunmehr einheitlich in Form, Schrift und Größe. Ein wenig kleiner taucht rechts daneben das Wort „Berlin“ auf. Der Innenteil hat den roten Seitenkopf „Aus unserer Stadt“ bekommen – mit aneinandergereihten, stilisierten Silhouetten von Berliner Wahrzeichen: Zitadellen- und Funkturm, Brandenburger Tor, Gedächtniskirche und Kongresshalle. Deutlich mehr Luft zwischen den Artikeln, Textkästen, Trennlinien und eine begrenzte Anzahl an Schrifttypen sorgen für Übersichtlichkeit. Die Leitartikel behandeln nun seltener Auslandsthemen, häufiger geht’s ums deutsche und Berliner Tagesgeschehen. Der Serviceteil enthält das Rundfunkprogramm, Arbeits- und Automarkt, „Die kleine Anzeige“ und Reise-Tipps. Das Magazin am Sonntag liefert obendrauf seitenweise Lesestoff fürs Wochenende: Kunst und Kultur, eine komplette Kurzgeschichte, Klatsch und Tratsch, Rezepte, Gartentipps, das Horoskop plus Rätsel. Die Köpfe der Sonderbeilagen wechseln die Farbe: grün, rot, blau.

In den 70er Jahren kommt noch mehr Farbe ins Spiel – und schon auf Seite 1 wird auch die Mischung bunter. Ein Fußball-Foto samt Loblied auf Tennis Borussias Erfolgskurs steht unterm politischen Aufmacher zum Vietnam-Krieg, und dass sich Schauspieler Humphrey Bogart im Innenteil über Berlin äußert, erfährt der Leser ebenfalls schon auf dem Titelblatt. In leuchtendem Orange, so ist es nicht zu übersehen. Auch ein drohendes Fünf-Milliarden-Defizit bei der Bahn, die neue telefonische Direktwahl nach Ost-Berlin und ein beraubtes Ehepaar haben es am 2. April 1975 auf die Eins geschafft. Im Titelschriftzug dominiert nun wieder das „Volksblatt“, jeweils halb so groß steht „Spandauer“ drüber, „Berlin“ drunter. Den Zeitungskopf trennt ein seitenbreiter Querbalken vom Aufmacher – mal in Orange, mal ist der Streifen pink, grün, schwarz oder blau. Samt Familienmagazin „Er – Sie – Es“ hat die Ausgabe vom 24. April 22 Seiten, randvoll mit Information und Unterhaltung – und bisweilen blatthohen Anzeigen. Nicht fehlen darf das Fernsehprogramm von ARD, ZDF und dem Dritten: Mit seiner Tagesschau um 0.10 Uhr sendet das Erste am längsten.

1985 ist Spandau verschwunden – jedenfalls aus dem Titelschriftzug. Sein „Volksblatt Berlin“ kauft der Leser nun zum Preis von 60 Pfennig. Vier Textkästen überm Kopf verkünden Lottozahlen und weisen auf wichtige Themen des Innenteils hin. Der ist noch immer umfangreich und hat zur Orientierung Seitenköpfe bekommen: Lokales, Feuilleton, Dies und Das, Spandau, Chronik. Ein Anglizismus hat sich eingeschlichen – mit der Rubrik „News“. Eine Mischung aus Innen- und Außenpolitik bestimmt die Titelseite, die nun wieder etwas weniger bunt ist als in den 70ern, sowohl was den Inhalt als auch die Form betrifft. Etliche Artikel thematisieren das Verhältnis zur DDR. Berlins CDU-Bürgermeister Eberhard Diepgen verkündet: „Der Dialog mit dem Osten ist ein Gebot der Menschlichkeit.“ Das Forum des Lesers druckt Zuschriften, Boris Becker wirbt für ein deutsches Geldinstitut, der Grünausschuss schreibt sich noch mit „ß“ und der Spandauer Baustadtrat heißt Klaus Jungclaus.

Anfang der 1990er-Jahre ist nach dem Fall der Mauer nicht nur die Welt eine andere. Auch das Spandauer Volksblatt kommt in neuer Gestalt in die Kioske. Es erscheint nun zweimal wöchentlich und kostet 1,20 DM. Optik wie Schreibstil sind boulevardesk. Fett, bunt unterstrichen und mindestens dreizeilig sind Aufmacher-Überschriften, wie: „Nervtötend – dieser Lärm aus Spandaus Himmel“. Am 3. Juli 1992 titelt die Zeitung „Skandal: Giftmüll bedroht Spandau“. Unten drunter lächelt Schauspielerin Thekla Carola Wied bei einem Besuch in der Volksblatt-Redaktion in die Kamera. Nicht nur die Seite 1 hat ein buntes Foto. Köpfe, Köpfe, Köpfe lautet auch innen die Devise: Gesucht wird mal die charmanteste Spandauerin – dutzende hübsche Frauen haben sich dafür ablichten lassen –, mal das süßeste Baby oder glücklichste Brautpaar. Dazu gibt’s jede Menge Interviews. Lehrer kontra Schüler heißt eines. 30 bis 40 Seiten umfasst eine Ausgabe und neben den Spandauer Lokalnachrichten auch einen umfänglichen Wirtschafts-, Kultur-, Service- und Ratgeber-Teil.

Zeitsprung ins Jahr 2011: Das Spandauer Volksblatt ist nun die wöchentliche Anzeigenzeitung mit dem inzwischen charakteristischen Blau im Titelkopf. Es erscheint jeweils mittwochs und hält die Spandauer übers aktuelle Geschehen in ihrem Bezirk auf dem Laufenden. Auf im Schnitt 20 Seiten bietet es ein klar strukturiertes Layout, attraktive Fotos, sorgfältig recherchierte Artikel zur Spandauer Kommunalpolitik nebst Kiezgeschichten und Kommentaren. Inklusive sind Veranstaltungstipps, Gewinnspiele, Umfragen und Rätsel; der Ratgeber-Teil informiert über neueste Trends rund ums Bauen und Wohnen, die Themen Auto und Verkehr, Senioren und Gesundheit. Kleinanzeigen sind ebenso im Blatt wie Sonderseiten, auf denen Spandauer Gewerbetreibende sich präsentieren können. Von einigen Änderungen im Erscheinungsbild abgesehen ähnelt das Spandauer Volksblatt des Jahres 2011 schon sehr der Zeitung, die heute einmal pro Woche in den Briefkästen der Zitadellenstadt steckt.

Wer selbst einmal in den dicken Ordnern mit alten Volksblatt-Ausgaben stöbern möchte: Das Archiv des Stadtgeschichtlichen Museums auf der Zitadelle steht allen Interessierten offen – allerdings nur nach Terminvereinbarung und Anmeldung per E-Mail unter archiv@zitadelle-spandau.de. bm

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