Bahnhof der Auswanderer weicht Handwerkerhof

Die noch erhaltene, aber stark verfallende Baracke des ehemaligen Auswandererbahnhofs. Seit vergangener Woche existiert sie nicht mehr. (Foto: Christian Schindler)

Spandau. In der vergangenen Woche hat Spandau den letzten Rest eines historisch bedeutsamen Gebäudeensembles verloren: Eine Baracke des ehemaligen Auswandererbahnhofs Ruhleben.

Autofahrer auf der Straße Freiheit zwischen Charlottenburg und dem Spandauer Zentrum hatten nie einen Blick für ihn. Das, was von dem Ort übrig geblieben war, von dem aus Millionen Menschen im 19. und frühen 20. Jahrhundert von Osteuropa aus in die neue Welt aufgebrochen waren, sah schon seit Jahrzehnten nicht so aus, als hätte es je eine größere Bedeutung gehabt. Jedoch allein 1913 verließen über 193 000 Menschen von dort aus Europa. Seinen Betrieb hatte der Bahnhof am 11. November 1891 aufgenommen. Er sollte nach einem Artikel im "Centralblatt der Bauverwaltung" vom 4. April 1893 verhindern, dass "Auswanderer aus Russland oder dem polnischen Teil Österreichs" ansteckende Krankheiten wie Pocken nach Berlin einschleppten. Die Transportgesellschaften HAPAG und Norddeutscher Lloyd sorgten dafür, dass die Auswanderer nach ärztlicher Untersuchung und Sichtung ihrer Papiere von Ruhleben direkt zu den Überseehäfen Stendal-Bremen und Hamburg gefahren werden konnten. Viele der Auswanderer flüchteten vor antisemitischen Pogromen in ihrer Heimat oder erhofften sich von der Auswanderung einen Weg aus der Armut. Das Centralblatt lobt in dem zitierten Artikel die "nie rastende Mildtätigkeit der deutschen Juden", deren ärztliche Hilfe vor Ort "auch häufig christlichen Bedürftigen zugute" gekommen sei. Mit dem Ersten Weltkrieg endet die Geschichte des Auswandererbahnhofs. Die Gebäude wurden anderweitig genutzt, zum Schluss stand nur noch eine von drei Baracken an der Freiheit 42/43. Im Jahr 2010 machte ein Projekt von Lily-Braun-Gymnasium und Jugendkunstschule Spandau auf die Vergangenheit des Gebäudes aufmerksam. Da war das Baudenkmal schon in einem bedenklichen Zustand. "Uns blieb nichts anderes übrig, als den Abriss zu genehmigen", bedauert Baustadtrat Carsten-Michael Röding (CDU). Ein neuer Eigentümer plant dort einen Handwerkerhof.


Christian Schindler / CS
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