Stones-Konzert vor 50 Jahren: „Randale kannten wir als Steglitzer Jungs nicht“

Wolfgang Holtz (l.) und Michael Lorenz erinnern sich an das Stones-Konzert. (Foto: K. Menge)
 
Sechs Euro kostete das Ticket für das Stones-Konzert im Vorverkauf. Foto: Holtz (Foto: Holtz)

Steglitz. Fast genau 50 Jahre ist es her, da sorgten die Rolling Stones für Tumulte bei ihren Fans in Berlin. Zehntausende Jugendliche rasteten aus und schlugen in der Waldbühne alles kurz und klein. Die Steglitzer Wolfgang Holtz und Michael Lorenz waren 1965 dabei und erinnern sich.

Die beiden waren 16 und 17 Jahre alt und eingefleischte Stones-Fans. Ihre Idole live zu erleben, war für die Steglitzer Teenager das Größte. Wolfgang Holtz besuchte zu dieser Zeit noch das Tannenberg-Gymnasium, heute Willi-Graf-Oberschule. Der heute 65-Jährige hat vor Kurzem „beim Aufräumen“ das Konzert-Ticket gefunden, was auch den Anlass gab, mit seinem Kumpel Michael 50 Jahre später in Erinnerungen zu schwelgen.

„Die Tickets habe ich im Sportpalast besorgt“, erzählt Holtz. Schlanke sechs D-Mark zahlte er pro Karte im Vorverkauf. Das sei zwar in der damaligen Zeit auch nicht gerade geschenkt gewesen, aber im Vergleich zu den heutigen Ticketpreisen für einen Schüler und einen Friseurlehrling bezahlbar. Außerdem war es natürlich ein Muss, zum Konzert von Mick Jagger, Brian Jones und Konsorten zu gehen, wenn sie in Berlin spielen. „Meine Zimmerwände hingen voll mit Stones-Plakaten und anderen Beatbands“, erinnert sich Michael Lorenz und zitiert seinen Vater, der damals die Stones als „langhaarige Affen“ bezeichnete. Bei Holtz waren es eher die Fußballclubs, die sein Jugendzimmer zierten. Dennoch: Beide können noch heute fast alle Texte der Stones mitsingen und „wir wissen schon beim ersten Ton, um welchen Song es sich handelt.“ Die Original-Schallplatte The Rolling Stones Nr. 2 aus dem Jahr 1964 wird demnach von Michael Lorenz wie ein Heiligtum behandelt.

Aber zurück ins Jahr 1965. Als die beiden am 15. September in Südende die S-Bahn bestiegen, herrschte zunächst nur Vorfreude. „Von Randale hatten wir als brave Steglitzer Jungs noch nie was gehört“, sagt Holtz. Das sollte sich nun ändern.

„Als die Stones dann endlich auf die Bühne kamen und ,Satisfaction' anstimmten, waren die Fans nicht mehr zu halten“, beschreibt Lorenz die Stimmung. Auch er und sein Kumpel Wolfgang sprangen von den Sitzen. Unmittelbar vor der Bühne jedoch eskalierte die Lage und die Band verließ nach zwei Titeln die Bühne. Daran erinnern sich die beiden Männer. Aber wie lange das Konzert tatsächlich ging, können Holtz und Lorenz nicht mehr genau sagen. Die Band kam zurück auf die Bühne und es gab wieder Krawalle. Schließlich hätten die Rolling Stones kapituliert und verschwanden. Laut Zeitungsberichten dauerte das Konzert insgesamt nur 25 Minuten.

Dass jedoch dann das Chaos erst richtig ausbrach, Schuhe und Unterwäsche an ihren Köpfen vorbei flogen und das komplette Mobiliar zu Bruch gingen, erinnern die beiden noch genau. „Ich höre noch das Splittern und Krachen der Holzbänke und das Schreien und Grölen der Massen“, sagt Holtz und gesteht, dass sie auch ein bisschen mitgemacht hätten. Dann jedoch kam auch die Angst. Als sie unbeschadet der „Kesselschlacht“ entkommen und wieder auf der Straße waren, ging es hier weiter: Autos und S-Bahnzüge wurden demoliert, die Polizei war im Großeinsatz. „Wir waren fassungslos“, so Lorenz. So etwas hatten die Jungs aus dem verschlafenen Steglitz noch nie erlebt. Am nächsten Morgen gab es zumindest für einen noch eine Standpauke. Der Schulleiter des Tannenberg-Gymnasiums rügte Wolfgang Holtz dafür, auf dem Konzert gewesen zu sein. KM
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