Humboldt-Gymnasium wanderte im Krieg nach Dänemark aus

Direktor Dr. Jörg Kayser (r.) empfing am 28. Februar 13 ehemalige Schüler des Humboldt-Gymnasiums und führte sie durch das Gebäude. (Foto: Schindler)

Tegel. Horst Grützemann hat den Übeltäter gleich erkannt: "Der hat mich mal geschlagen." Grützemann steht vor einem Foto. Es entstand Ende der 1940er-Jahre. Er meint einen Lehrer. Aber groß ist sein Zorn nicht: "Das war damals üblich."

13 ehemalige Humboldt-Gymnasiasten haben am 28. Februar ihre alte Schule besucht.

Sie hatten in der Einrichtung an der Hatzfeldtallee 2-4 vor 65 beziehungsweise vor 60 Jahren Abitur gemacht.

Horst Grützemann hat die manchmal rabiate Erziehung offenbar wenig geschadet. Der heute 83-Jährige wurde Steuerfahnder und arbeitete sehr erfolgreich in seinem Beruf. Genauso wie Dr. Paul Laubisch (82) der eine Karriere als Banker hinlegte. Beide haben 1949 ihr Abitur an dem Tegeler Gymnasium abgelegt. Das macht sie in den Augen von Schulleiter Dr. Jörg Kayser zu ganz besonderen Gästen: "Sie waren an der Schule, als es diese zweimal gab."

1943 war die Schule wegen der zunehmenden Bombenangriffe nach Binz auf Rügen ausgelagert worden. 1945 ging die Reise weiter: Die Schüler wurden nach Dänemark evakuiert. Nach Kriegsende wurden dort Schüler und Lehrer interniert. Sie kamen erst 1947 wieder nach Hause zurück.

"Wir waren zwangsläufig der elterlichen Kontrolle entzogen", erinnert sich Grützemann. Und manche Lehrer sahen sich in der Pflicht, diesen Mangel intensiv auszugleichen. Grützemann erinnert sich an eine Kissenschlacht in seinem Zimmer, die plötzlich von einem Lehrer unterbrochen wurde, der prompt ein Kissen ins Gesicht bekam. Der Werfer bekam Schläge auf die Hand mit einem Kantholz.

Die evakuierten Schüler machten sehr unterschiedliche Erfahrungen. Nach dem Selbstmord Adolf Hitlers grüßten manche Pädagogen ihre Schüler nur noch mit "Guten Morgen", einer blieb beim "Heil Hitler", weil er in Dänemark noch keine neuen Anweisungen von seinem Schulamt erhalten hatte. Andere Lehrer hatten sich zuvor schon als Gegner des Nationalsozialismus zu erkennen gegeben, was angesichts möglicher Denunziation nicht ungefährlich war.

Wieder in Berlin, hatten die Schüler mit den Mühen der Nachkriegszeit zu tun: "Die Fenster waren vernagelt, die Heizung funktionierte nicht, und wir hatten trotzdem auch bei minus 20 Grad Unterricht", berichtet der Arzt Dr. Peter Schumacher (79). Einige Schüler verheizten in primitiven Holzöfen sogar Stühle, damit es im Winter ein wenig warm wurde.

Das Gymnasium mit seinen derzeit rund 1200 Schülern sieht heute anderes aus. Auch Kreidetafeln gibt es hier kaum noch. Sie sind in vielen Räumen von sogenannten Whiteboards ersetzt worden. Diese ermöglichen das Arbeiten mit dem Internet vor der Klasse. Für die Ehemaligen hat sich zwar die Technik, nicht aber die immer gute Qualität des Unterrichts an der Hatzfeldtallee geändert. Ihren jungen Nachfolgern an der Schule gaben sie mit auf den Weg, neugierig und kritisch zu sein, und die heutigen Möglichkeiten zu Auslandsaufenthalten zu nutzen.


Christian Schindler / CS
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