Zeitzeugen zur Kohlenhandlung von Julius Leber gesucht

Was mit dem Häuschen in der Torgauer Straße passieren soll, wird derzeit beraten. (Foto: Liptau)

Schöneberg. Im Herbst beschloss die Bezirksverordnetenversammlung, dass die ehemalige Kohlenhandlung von Julius und Annedore Leber in der Torgauer Straße doch nicht abgerissen werden soll. Nun sucht eine private Initiative nach Zeitzeugen, um Informationen für einen geplanten Gedenkort zu sammeln.

"Die Diskussionen um die Zukunft des Häuschens", sagt Dörte Döhl, "haben in den vergangenen Monaten für immer mehr Interesse hier vor Ort gesorgt." Die Nachbarschaft wolle nun wissen, wie die Geschichte um die Kohlenhandlung "Bruno Meyer Nachfahren" genau aussieht. Wie überhaupt das Gebäude aussah, als es in der Nazizeit zu einer Kontaktbörse in Widerstandskreisen wurde. "Aus der Zeit vor 1950 wissen wir über das Gelände und das Haus gar nichts", beklagt Dörte Döhl.Sie ist eine von vier Initiatoren, die jetzt einen Zeitzeugenaufruf gestartet haben, um die Diskussion um die Zukunft des früheren Bürohäuschens an der Ecke Torgauer und Gotenstraße mit Informationen anzureichern. Im Rahmen der Parkgestaltung des Nord-Süd-Grünzugs durch das Förderprogramm "Stadtumbau West" sollten eigentlich alle ehemaligen Gewerbeanlagen südlich der Torgauer Straße verschwinden - inklusive der Kohlenhandlung.

Der Bezirk hatte einen Künstlerwettbewerb ausgeschrieben, um hier dennoch einen Gedenkort zu schaffen. Doch nach Protesten vor allem aus der Bürgerschaft wurde der Abriss schließlich im Herbst von der BVV abgesagt. Derzeit wird auf Senats- und Bezirksebene darüber nachgedacht, was mit dem Häuschen geschehen könnte. Doch auch der Stadtteilverein Schöneberg und die Berliner Geschichtswerkstatt denken mit. Und in genau diesen Prozess wollen Döhl und ihre Mitstreiter die gesammelten Informationen einspeisen.

Gefragt sind Fotos, Dokumente oder persönliche Erinnerungen, die Aufschluss geben über die Tätigkeit der Lebers. Julius Leber war während der Nazizeit als Sozialdemokrat Teil des Widerstands beispielsweise im Zusammenhang mit dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Hitler. 1945 wurde er von den Nazis ermordet, nachdem sich Mitglieder des Widerstands über Jahre hinweg unauffällig bei ihm in der Torgauer Straße getroffen hatten. Seine Frau Annedore hat nach dem Krieg in der Kohlenhandlung einen Verlag für politische und pädagogische Literatur unterhalten und zur öffentlichen Bewältigung der NS-Zeit beigetragen. "Insofern wurde die Geschichte des Widerstands von ihr fortgeführt", sagt Döhl.

Von Interessen seien vor allem Informationen darüber wie das Haus zur Nazizeit aussah. Denn der heutige Bau entstand nach einem Kriegsschaden erst in den 1950er-Jahren. Bauakten gibt es ab 1950. "Aber im Grunde interessiert uns alles", sagt Döhl. Zum Gedenken gehöre immer auch das Aufklären und Wissen.

Wer der Initiative weiterhelfen kann, sollte sich bei der Berliner Geschichtswerkstatt, Goltzstraße 49, 215 44 50 melden oder unter kohlenhandlung@web.de.

Ralf Liptau / flip
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