Neues aus dem utopischen Dorf

Ein Wohnexperiment der Zukunft: das Tiny Houses-Dorf auf dem Grundstück des Bauhaus-Archivs. (Foto: KEN)
 
Hier wird für eine "gerechtere Gesellschaft" experimentiert. (Foto: KEN)
Berlin: Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung |

Wohn- und Gesellschaftsexperimente in Tiny Houses

Tiergarten. Es gehe um einen Beitrag zur Gesamtgesellschaft, nicht um das kleine private Glück des Einzelnen, meint Van Bo Le-Mentzel, wenn er von vom „utopischen Dorf“ der Tiny Houses (winzige Häuser) auf dem Gelände des Bauhaus-Archivs in der Klingelhöferstraße spricht.

Van Bo Le-Mentzel, ein deutscher Architekt laotischer Herkunft, ist Kurator dieses Experiments, das im März begonnen hat. Dahinter steht die „Tinyhouse University“, ein Berliner Kollektiv aus Architekten, Gestaltern und Flüchtlingen. Am 20. Juli wurde das „Dorf“ eröffnet. Es bleibt zu besichtigen bis zum Baubeginn der Erweiterung zum Bauhaus im kommenden Jahr.

„Wir stehen am Anfang einer großartigen Bewegung“, meint Van Bo Le-Mentzel, der mit Hartz-IV-Designermöbeln zum Selbstbau bei geringen Kosten bekannt wurde. Er ist überzeugt: In fünf bis zehn Jahren wird die Bewegung der Tiny Houses „ganz normal“ sein. Sie wird die Vielfalt des Wohnens bereichern.

Im Fokus des Experiments stehen einerseits der stete Zuzug in die Großstädte, der Wohnungsmangel, die Notwendigkeit des bezahlbaren Wohnens und eine „gerechtere Gesellschaft“, andererseits das Phänomen des sozial ungebundenen Individuums, des urbanen Nomaden.

Neu sind die Tiny Houses nicht. Theresa Steininger aus Wien baut die Wohnwinzlinge schon seit vier Jahren. Und in China begegnet der Architekt Gary Chang der katastrophalen Wohnsituation in Mega-Städten wie Hongkong, wo Geringstverdiener in kleinen Zellen innerhalb von Wohnungen hausen, mit Konzepten, die Flächen und Räume intelligent nutzen, um günstiges und menschenwürdiges Wohnen zu ermöglichen.

Was gibt es also zu sehen auf dem Bauhaus-Gelände? Sieben Mini-Häuser. Die meisten stehen auf Rädern wie ein Bauwagen. Das „Retreat“ genannte Modell des Start-ups Respace ist ein verladbarer Wohnbehälter, in dem Neuberliner auf ungenutzten Flächen in der Innenstadt leben, so die Idee der Erfinder. Jeden Donnerstag um 16 Uhr wird ein Städtebau-Bastelkurs für Familien angeboten.

Studentinnen der Hochschule Rosenheim zeigen ihren Wohnprototyp „35 Kubik Heimat“. Hier werden Küche, Bad, Bett und Esstisch aus Wand und Boden gekippt und geklappt. Das Wasser ist im Dachgarten gefilterter Regen. Der Strom kommt aus Solarzellen. Die reichlich konfuzianistisch anmutende These der Bayerinnen: Eine Wohnung braucht kein einziges Möbelstück mehr. Auch als Bühne taugt das Haus: Gemeinsam mit dem Künstlerkollektiv Radio Fawela sind freitags von 16-18 Uhr Schauspielkurse geplant. Um Anmeldung unter apo@bauhauscampus.org wird gebeten.

Die weiteren fünf Tiny Houses sind Hülsen für allerhand gesellschaftliche Versuchsanordnungen: Im „Projektcafé Grundeinkommen“ entwickeln internationale Blockchain-Aktivisten aus New York, Silicon Valley und Tel-Aviv eine neue soziale Währung, die das Grundeinkommen virtuell ausschüttet. Nebenbei gibt es dort vegane Muffins und fairen Kaffee zu kaufen.

Das „House of Rights“ ist ein Haus der Migrantenselbsthifeorganisation „Deutsch Plus“ und der Weddinger Ernst-Reuter-Schule. Flüchtlingskinder haben es aus 19 Schultafeln gebaut. Sie stellen die 19 Grundrechte in einfacher Sprache dar. Montags um 11 Uhr bieten die Menschenrechtsaktivisten Mamoun Yacoubi und Sandy Kudella einen Ferientreff für Jugendliche an. Eine Anmeldung unter info@deutsch-plus.de ist erforderlich.

Im „Holy Foods House“ der Berliner „Foodsharing“-Szene, die Essen vor der Mülltonne rettet, werden Experimente zur autarken Lebensmittel- und Düngerproduktion durchgeführt. Darunter sind Aquaponik und Terra Preta. Mittwochs um 17 Uhr wird gemeinsam gekocht und gegessen. Anmeldung unter info@holyfoodshouse.com.

Im „House of Tiny Systems“ zeigt das Forschungslabor von Katrin Hoffmann montags um 15 Uhr, wie Laien ihr eigenes Grauwassersystem bauen können, während im „Flower House“ des Büros Gorenflos Architekten nomadische Wohnkulturen untersucht werden.

Und zum Schluss noch ein Ausblick: Am 3. August, 17.30 Uhr gibt es im „Tiny Bauhaus Salon“ eine Diskussion zum Thema Grundeinkommen. Am 1. September ab 10 Uhr bietet die „Tiny House Summer School“ einen Baukurs an. Die Tinyhouse University beteiligt sich auch an der diesjährigen Langen Nacht der Museen am 19. August. Beginn ist um 18 Uhr. Mehr Informationen dazu gibt es unter www.bauhauscampus.berlin. KEN
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.