Ausstellung über Unica Zürn: Prominente Bonhoeffer-Patientin wäre heute 100 Jahre alt

Unica Zürn im Jahr 1953. (Foto: Johannes Lederer, Copyright Brinkmann & Bose)
 
Unica Zürn, ohne Titel (1960) (Foto: Brinkmann & Bose)
Berlin: Camaro-Haus |

Wittenau/Tiergarten. Die Dichterin und Malerin Unica Zürn wäre am 6. Juli 100 Jahre alt geworden. Schon jetzt erinnert die Camaro-Stiftung in Tiergarten an diese außergewöhnliche Künstlerpersönlichkeit, die einst auch in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik behandelt wurde.

Es hätte ein Leben in gediegener Bürgerlichkeit werden können: Unica Zürn, geboren am 6. Juli 1916 in Berlin-Grunewald, fing nach abgebrochenem Abitur bei der Filmfirma UFA an, wurde Sekretärin und Archivarin, dann Dramaturgin für Werbefilme. 1942 heiratet sie, bekommt zwei Kinder.

Doch schon 1949 ist die Ehe geschieden. Unica Zürn verlässt Mann und Kinder, und schlägt sich als Autorin kleiner Geschichten für Berliner Zeitungen durch. Was einerseits pure Not ist, ist zugleich eine Befreiung. Selbstverständlich lässt sie in ihren Ausweis als Berufsbezeichnung „Schriftstellerin“ eintragen.

Das Ausbrechen aus der Konvention ist verbunden mit der Entdeckung all dessen, was in Deutschland bis 1945 verpönt war. Unica Zürn kommt mit dem Kabarett „Badewanne“ in Berührung, das nur kurze Zeit existierte, aber mehr als ein Jahrzehnt kultureller Barbarei des Nationalsozialismus ausgleicht. Die Künstler schaffen Bühnenbilder nach den Vorbildern surrealistischer Malerei, ihre Texte sind komisch-traurig, voller Melancholie und literarischer Anspielungen.

Hier lernt Unica Zürn Alexander Camaro kennen, einen Mann, der in eigener Person den Künstler mit dem Artisten mischt, und so zu einem Magier besonderer Art wird. Der in Breslau Geborene war als 16-jähriger mit einem Wanderzirkus durchgebrannt, in dem er sich als Hochseilartist betätigte. Den Zweiten Weltkrieg überstand er in Fronttheatern.

Die "Nachfolgerin" bewahrt Zürns Erbe

Die intensive Verbindung zwischen Unica Zürn und Alexander Camaro dauert nur knapp drei Jahre. Sie treibt nicht nur beider Werk in gegenseitiger Beeinflussung voran, sondern führt letztlich auch dazu, dass Unica Zürn die gegenwärtige Ausstellung „Unica Zürn – Camaro – Hans Bellmer in Berlin“ in der Camaro-Stiftung gewidmet ist. Camaros spätere Frau Renata bemühte sich nach seinem Tod 1992, dessen Werk zusammen zuhalten und gründete kurz vor ihrem Tod 2009 die Alexander und Renata Camaro Stiftung.

Der persönliche Dreiklang der Ausstellung gibt ein umfassendes Bild von Unica Zürn. Zunächst ist Camaro für sie der „Zigeuner“, der für die Freiheit, aber auch materielle Unsicherheit des fahrenden Volkes steht, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer weniger wird. Spätere Bilder sind da ganz anders: Unzählige Linien schaffen unzählige zeichnerische Details, was auch mit Blick auf ihre Psychiatrie-Aufenthalte schon mal dazu führte, Unica Zürns Kunst in die „Outsider-Art“ einzusortieren, Kunst also von Laien, oft mit geistiger Behinderung. Eine mit dem Ortsnamen Wittenau signierte Zeichnung von 1960 zeigt Wesen, die ineinander verwachsen, Gesichter, die sich nach genauem Blick in anderen Körperteilen wiederfinden.

Zürns Kunst ist keine Outsider-Art

Gegen die Wertung als Outsider-Art wendet sich die Ausstellung vehement und mit Recht: Sie zeigt einen weiteren Aufbruch der Künstlerin nach der Trennung von Camaro. Zürn folgt Mitte der 1950er Jahre dem Künstler Hans Bellmer nach Paris. Bellmer ist der Mann, der Puppen verdreht, mit erotischen Phantasien auflädt und dessen Schauen ab und zu wegen angeblicher Pornographie geschlossen werden.

Der künstlerische Neuanfang kann eine persönliche Katastrophe nicht verhindern. Anfang der 1960er Jahre wird bei Unica Zürn paranoide Schizophrenie diagnostiziert. Es folgen Klinikaufenthalte, auch in den Wittenauer Heilstätten. Am 19. Oktober 1970 springt Unica Zürn aus einem Fenster der Pariser Wohnung von Hans Bellmer in den Tod.

Die Ausstellung „Unica Zürn – Camaro – Hans Bellmer in Berlin“ ist bis zum 28. Mai dienstags bis samstags von 13 bis 17 Uhr sowie mittwochs von 13 bis 20 Uhr in der Camaro Stiftung, Potsdamer Straße 98A, zu sehen. Der Eintritt ist frei. Führungen gibt es samstags um 15 Uhr und mittwochs um 18.30 Uhr. CS

Weitere Informationen unter www.camaro-stiftung.de.
0
Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.