Im Kunstgewerbemuseum lässt sich die Modewelt vergangener Jahrhunderte entdecken

Das braune Promenadenkleid aus Frankreich, das um 1855 genäht worden ist, zeigt, wie die Weite der Röcke zunahm. Ihre Form wurde gerne mit aufgesetzten Volants betont. (Foto: KEN)
Berlin: Kunstgewerbemuseum |

Tiergarten. "Das Paradies der Damen" betitelte der französische Schriftsteller Émile Zola seinen 1884 erschienen Roman über ein Pariser Kaufhaus. Ein wahres Paradies der Damen ist auch die neue Modegalerie im wieder eröffneten Kunstgewerbemuseum am Kulturforum.

Wie bei einem Schaufensterbummel bestaunen Besucher die rund 130 Kostüme und ebenso viele Accessoires. Die effektvolle Präsentation macht den Besuch zu einem Erlebnis. Das Museum zeigt Kleidung vom Rokoko bis zur Moderne. Weil zu einem perfekten Auftritt stets die passenden Details gehörten, ist in der Dauerausstellung entsprechend extravagantes Zubehör aus dem Ankleidezimmer vergangener Jahrhunderte zu sehen: von Schuhen und Hüten über Handtaschen und Fächer bis zu feinen Spitzengarnituren und sogar Creme- und Puderdöschen.

Der Gang vorbei an den Kreationen der französischen Haute Couture des 18. Jahrhunderts und berühmter Modeschöpfer wie Paul Poiret, Elsa Schiaparelli oder Christian Dior ist gleichsam ein Streifzug durch die Kulturgeschichte der Schönheit, Hygiene und des alltäglichen Lebens. Anders als vor Jahrhunderten kann hier auch betrachtet werden, was früher nur selten gezeigt wurde: Unterröcke und Unterhemden, Schnürmieder und Reifröcke, Strümpfe und die ganzen kleinen Geheimnisse, die sich sonst unter der glänzenden Oberfläche verbargen.

Begonnen wird die Präsentation am Kulturforum im 18. Jahrhundert, als Frankreich als führende Kulturnation die Mode in Europa bestimmte. Der europäische Hochadel und das reiche Bürgertum ließen sich aus Frankreichs Manufakturen die Luxuserzeugnisse aus Samt und Seide liefern. Am populärsten war die "Robe à la française". Die Wirkung dieses Damenkleides mit weitem, vorne geöffnetem Überkleid über einem seitlich weit ausschwingenden Rock erzielten die Pariser Schneider mittels eines mit Fischbein versteiften Korsetts und eines ovalen Reifrocks.

Gesund war diese Mode nicht. Die Korsage schnürte die Rippen ein und verschob sogar innere Organe. Trotz solcher unnatürlicher Verformungen des weiblichen Körpers musste die Damenwelt diese Mode sogar bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ertragen. Das Riechsalz war ständiger Begleiter der malträtierten Trägerinnen.

Erst da bemühten sich Künstler und Ärzte um Änderung. Es war der Pariser Paul Poiret (1879-1944), der sich von der Antike anregen ließ und Kleider mit hoher Taille entwarf, die lose und befreiend fielen. Die weitere Entwicklung im 20. Jahrhundert bestimmten in beträchtlichem Maße die beiden Weltkriege. Sie veränderten die gesellschaftliche Stellung der Frau. Sie repräsentierte mit ihrer Kleidung nicht mehr nur im Hause den Rang des Gatten. Sie trat während und nach den Kriegen ins öffentliche Erwerbsleben. Alles das und allenthalben der Mangel an Stoffen erzwangen eine modische Neuorientierung.

Die Schaufensterpassage im Museum ist abgedunkelt. Zu empfindlich und wertvoll sind die Ausstellungsstücke, etwa der Schnürleib von 1720 oder das englische Damenkleid von 1730. Der Gesamtbestand des Kunstgewerbemuseums umfasst rund 2000 Kostüme. Kern der Schau ist die internationale Modesammlung von Martin Kamer und Wolfgang Ruf. Sie wurde 2013 erworben.

Das Kunstgewerbemuseum Berlin am Matthäikirchplatz ist dienstags bis freitags von 10 bis 18 Uhr, sonnabends und sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet acht, ermäßigt vier Euro.

Karen Noetzel / KEN
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