Straße der Avantgarde: Die Bellevuestraße beheimatete einst viele Kunsthändler

Die Straße der Kunsthändler um 1900. (Foto: Globus Verlag)
Berlin: Bellevuestraße |

Tiergarten. „Diese alte Straße, früher eine der vornehmsten und ruhigsten Wohngegenden der Stadt, hat sich allmählich in eine wichtige Geschäftsstraße verwandelt, und zwar haben sich hier die Kunsthändler niedergelassen und bieten ihre erlesenen Kostbarkeiten in schön gepflegten Läden an, die alle Schaufenster haben.“

Diese Zeilen schrieb 1929 Hans Bethge über die Bellevuestraße in Tiergarten. Heute ist die Straße hinter dem Sony Center und am Henriette-Herz-Park wieder ziemlich ruhig – und wirkt vor allem leer. Damals aber, in den „wilden Zwanzigern“ staunte der Dichter: „Hinter den großen Scheiben der Läden erhoben sich schweigende und doch unendlich beredte Werke der besten Kunst, überall, Haus bei Haus.“

In dieser Straße hatte auch der Kunsthändler Justin Thannhauser (1892-1976) seit 1927 eine Galerie. Berlin war damals das Zentrum der deutschen Avantgarde. Und die Familie Thannhauser gehörte bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten zu den führenden Kunsthändlern Deutschlands und bedeutendsten Förderern der modernen Kunst. Ihren Erfolg hatte Thannhausers Vater Heinrich 1904 in München begründet. Eine Dependance in Luzern folgte 1919. Die acht Jahre später eröffnete Berliner Niederlassung wurde so bedeutend, dass man das Haus in München aufgab.

1937 aber musste Justin Thannhauser seine Galerie in Berlin aufgeben. Er war jüdischer Herkunft. Sein Vater Heinrich war 1934 auf der Flucht in die Schweiz einem Schlaganfall erlegen. Die Nazis beschlagnahmten die Bestände in der Bellevuestraße. Thannhauser junior konnte nach Zahlung einer riesigen Summe „Reichsfluchtsteuer“ mit seiner Frau nach Paris entkommen. Dort konnte er als Kunsthändler erneut Fuß fassen, aber nur für kurze Zeit.

1940 beschlagnahmten die Deutschen auch hier seine Kunstbestände. Justin Thannhauser hatte Frankreich schon bei Kriegsausbruch verlassen. Von der Schweiz emigrierte er nach Amerika. In New York machte er zum dritten Mal im Kunsthandel Karriere, weil er Bestände zuvor nach Buenos Aires, Amsterdam, Luxemburg und in die Schweiz verschickt hatte. KEN
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