Fossil in Tiergarten: Es gibt ihn noch - den guten alten Kaugummi-Automaten

Ein Mauerblümchendasein führt der Kaugummiautomat an der Herkulesbrücke. (Foto: KEN)

Tiergarten. Test bestanden! Der Proband zerbeißt erfolgreich die giftgrüne, exakt 15 Millimeter große Kugel. Zig Kindheitserinnerungen löst dieser Biss aus. Der Zehner in der Hosentasche auf dem Weg zur Schule. Das heimliche Kauen im Unterricht, bis der Lehrer einen erwischt und man den Gang zum Papierkorb antreten muss.

Wie alt dieses Kaugummi schon ist, fragt der Proband besser nicht. Das Gerät, aus dem es stammt, ist auf alle Fälle ein Fossil. Der Kasten wird garantiert nur von ganz wenigen überhaupt entdeckt werden. So versteckt steht er neben dem Fußpfad am Landwehrkanal, gleich rechts hinter der Herkulesbrücke.

Die blühende Trauerweide verdeckt den Kaugummi-Automaten. Verwittert weiß ist seine Front, rot der Rest. Die drei Plexiglasfenster sind vergittert, aber nicht blind. Dahinter warten neben den bunten Standardkugeln und anderen, ernährungsphysiologisch gänzlich unangemessenen Süßigkeiten allerlei Gimmicks in durchsichtiger Plastikhülse: Schlüsselanhänger, kleine Taschenmesser, falscher Schmuck, Flummis, Figürchen und andere Dinge, die man nicht braucht.

Für die größeren Überraschungen muss man einen Euro einwerfen, die Süßigkeiten kosten 20 Cent und die Kaugummiklassiker zehn Cent. Der Drehmechanismus funktioniert sogar - trotz Wind und Wetter, denen er an dieser Stelle ausgesetzt ist. Das Gewünschte fällt in das Ausgabefach, das zugegebenermaßen einige Rostfleckchen aufweist. Der Automat braucht keinen Strom und liefert immer, 24 Stunden an 365 Tagen.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob sich ein solcher Automat, vor allem hier, außerhalb eines Westberliner Alternativkiezes, überhaupt lohnt. Supermärkte und Spätis, an deren Kassen die Süßigkeiten in Reih und Glied liegen, sind große Konkurrenten. Die Spanne pro Jahr reiche von 20 Euro bis zu mehreren hundert Euro, heißt es beim Verband der Automaten Fachaufsteller (VAFA). Immerhin soll es in Berlin rund 40 000 Kaugummiautomaten geben. Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2010. Neuere sind nicht bekannt.

Eine Stunde ist seit der Kugelzerbeißprobe vergangen. Der Proband hat keine gesundheitlichen Schäden davongetragen. Ein anderer Liebhaber der harten Kaugummikugeln ist aber auch nicht vorbei gekommen, weder aus dem Bauhaus-Archiv, noch aus der CDU-Zentrale gegenüber oder aus den Hotels jenseits der Bezirksgrenze in Schöneberg.


Karen Noetzel / KEN
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