Vorbild Karl-Marx-Straße: Ein Blick über den Tellerrand könnte der Potse nicht schaden

Die Magistrale hat vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten. (Foto: KEN)
Berlin: Potsdamer Straße |

Tiergarten. Es dauert nicht mehr lange, bis Kerstin Lassnig vom Büro „Urbos“ das im vergangenen Jahr erarbeitete „Leitbild Potsdamer Straße“ der Öffentlichkeit vorstellen wird. Eckpunkte dieses gewerblichen Entwicklungsplans für die Magistrale in Tiergarten lassen sich bereits erkennen.

Hausbesitzer, Geschäftsleute und Anwohner waren vom Quartiersmanagement Tiergarten-Süd/Magdeburger Platz und Schöneberg-Nord aufgerufen, die Potsdamer Straße zu bewerten. Die zentrale Frage für die Entwicklung des Leitbildes, so hatte es Regine Wosnitza, Vorstand der Interessengemeinschaft Potsdamer Straße, zum Auftakt des Projekts im Februar formuliert, sei, wie sich die Vielfalt der Potsdamer Straße erhalten lasse. „Diese definiert sich vor allem über die Menschen, die hier leben und arbeiten“, so Wosnitza. Sie müssten sich alle aktiv einbringen.

"Urbos" führte eine Straßenbefragung durch und veranstaltete drei Workshops. Zuletzt ging es dabei um Einzelhandel, Gewerbe und Verkehr. Die Struktur des Einzelhandels in der Potsdamer Straße sei „sehr speziell“, hat Expertin Lassnig festgestellt. Trotz Wandel und „Verlusten“ gebe es zahlreiche Läden, die sich schon lange an diesem Standort behaupten. Was bei Spielhallen, Döner & Co. einigermaßen überrascht, ihr Angebot ist äußerst vielfältig.

Geteilter Meinung

Die Interviews auf der Straße ergaben nicht unbedingt ein einheitliches Bild. 50 Prozent der Befragten gaben an, das Angebot reiche aus, die andere Hälfte war ganz anderer Meinung. Konkret fehlten Buchläden, Drogerien, eine Sparkasse, Dienstleister wie Schneider oder Fotografen, Modegeschäfte, Schmuckläden, preiswerte Cafés und Restaurants „mit guter Küche“, ein weiterer Supermarkt, Bioläden, eine Bäckerei.

Merkliche Verbesserungen in der Potsdamer Straße könnten schon durch verkehrsberuhigende Maßnahmen, eine einheitliche Gestaltung von Gehwegen und Fahrbahn, mehr Grün und Sitzbänke, Fußgängerüberwege und mehr Platz für Radfahrer und Passanten erreicht werden, meinen die Anwohner.
Als Musterbeispiel für eine Aufwertung der Potsdamer Straße ohne Gentrifizierung kann die Karl-Marx-Straße in Neukölln dienen. Im letzten Workshop für das „Leitbild Potsdamer Straße“ gab Dieter Aßhauer entsprechende Anregungen. Das Mitglied der Lenkungsgruppe „Aktion Karl-Marx-Straße“ merkte an, dass man den Blick über den Kiez-Tellerrand richten sollte. Als Beispiel nannte Aßhauer Neuköllner Desigermode, die in der Ladenstraße an der Krummen Lanke in Zehlendorf angeboten wird. „So etwas fehlt in der Potsdamer Straße“, sagt Dieter Aßhauer. Wie auch Cafés mit eigener Rösterei, die sich an vielen Orten in Berlin zunehmender Beliebtheit erfreuten, oder ein Kulturangebot, „das Frequenz bringt“ etwa Kinos oder Erlebnisgastronomie statt der „monotonen“ Gastronomie in der Potsdamer Straße, die fünf Jahre hinter der allgemeinen Entwicklung in Berlin hinterher hinke.

Der Handel profitiert von Touristen

„20 Prozent des Berliner Handels profitiert von Touristen“, so Aßhauer. Sie seien sehr wichtig für eine Stadt, in der das Einkommen ihrer Bewohner weiter sinke. Weshalb der Experte aus Neukölln nicht nur ein gezieltes „Senioren-Marketing“ mit Toiletten und Sitzgelegenheiten in den Geschäften anmahnt, sondern auch ein professionelles Geschäftsstraßenmanagement. Dafür müssten allerdings große Häuser angesprochen werden. „Sie sind es, die etwas bewirken können.“

Ein Pfund, mit dem die Potsdamer Straße wuchern könne, sei laut Dieter Aßhauer die Vielfalt ihrer Architektur. Eine entsprechende Beleuchtung in der Straße, gezielte Veranstaltungen und Führungen würden sie zur Geltung bringen.

Regina Wosnitza hat einmal zwei Stunden gegoogelt. Das Ergebnis ihrer Recherche nach ausgefallenen Ideen, die eine Straße beleben: die der „essbaren Straße“. „Das gibt es schon überall auf der Welt und ist machbar.“ Jedes Restaurant mit internationaler Küche pflanzt draußen etwas aus dem jeweiligen Herkunftsland. Die Pflege dieses „biologischen Lehrpfades“ könnten ABM-Kräfte übernehmen, schlägt Wosnitza vor. „Je mehr Grün es im Stadtbereich gibt, desto mehr Leute haben etwas davon.“ KEN
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