Wolfgang Immenhausen: „Eine Heimat zu haben ist ein Privileg“

Wolfgang Immenhausen in einer verwunschenen Ecke seines Gartens in Wannsee. (Foto: Ulrike Martin)
 
Wolfgang Immenhausen am selbst gebauten Brunnen. (Foto: Ulrike Martin)
Berlin: Mutter Fourage |

Wannsee. Internet und Handy nutzt Wolfgang Immenhausen nur dann, wenn es nicht anders geht. „Die so gesparte Zeit verbringe ich oft im Glienicker Schlosspark. Der Blick vom Casino auf den Jungfernsee ist ein Stück Italien.“ Die Sehnsucht der preußischen Prinzen nach dem Süden, nach Arkadien, verspüre er auch.

Ein Stück Heimat? Durchaus. „Ich bin dankbar, dass ich hier friedlich leben und arbeiten kann. Eine Heimat zu haben ist ein Privileg.“

Für Immenhausen, Jahrgang 1943, Eigentümer der Mutter Fourage, ist sein Zuhause nicht nur das Anwesen in der Chausseestraße 15a. Ganz Wannsee, diesen äußersten Zipfel im Südwesten Berlins, zählt er dazu, und auch das nahe Potsdam. „Mit Anfang 30 habe ich die Schlösser- und Seenlandschaft für mich entdeckt, sie wurde zu einer zweiten Heimat“.

Die erste ist die Kartoffel- und Futtermittelhandlung seines Großvaters Wilhelm Hönicke. Fourage (Futter) war jahrzehntelang am Hausgiebel zu lesen. Immenhausen wuchs mit Gänsen und Ziegen auf, baute sich Höhlen im Heu. „Wissen Sie, wie gut Heu riecht? Das ist auch ein Stück Heimat.“

Der Sportplatz gegenüber bot Freizeitspaß. Immenhausen war gut in Leichtathletik und noch besser im Tennis. Er machte einen Übungsleiterschein und durfte als Jugendlicher Trainerstunden geben. Im Fourage-Hof schleppte er Säcke. Und er entdeckte die Liebe zum Theater. „Durch das Projekt ,Theater der Schulen‘ konnten wir für eine Mark ins Theater gehen.“

Nach der 11. Klasse begann er eine Lehre zum Landhandelskaufmann. In Helmstedt. „Da war nichts, keine Spur von Kultur.“ Auch kein Theater.

„Nach anderthalb Jahren im Zonenrandgebiet bin ich kurz nach Paris geflüchtet, beschloss Schauspieler zu werden und brach die Lehre ab.“ Mit Tennisstunden finanzierte er den Unterricht. Nach zwei Jahren Engagement in Hamburg kam er zurück, war bei den Wühlmäusen und schließlich im linksalternativen Grips-Theater.

Da gab es Umweltstücke wie „Dicke Luft“, oder „Wasser im Eimer“. Mit zwei Freunden machte Immenhausen aus der Theorie Nägel mit Köpfen, übernahm 1978 den Hof von seiner Mutter und nannte ihn „Mutter Fourage“ in Anlehnung an Brechts „Mutter Courage“. Die Öko-Aktivisten der ersten Stunde verkauften Futter, Gartenbedarf und Naturkost. „Wir wollten die Leute überzeugen, Kompost zu machen und keine Pestizide mehr zu verwenden. Natürlich wurden wir schwer beäugt.“

Die Freunde trennten sich 1985 und Immenhausen verließ das Grips-Theater. Er baute die Mutter Fourage aus. Die Scheune mit dem berühmten Zollinger-Lamellendach wurde zum kulturellen Veranstaltungsort, die Galerie mit Kunsthandel folgte, 1995 eröffnete das Hofcafé.

Wer heute das Anwesen betritt, entdeckt ein grünes Paradies – mit verwunschenen Sitzecken, Brunnen, Terrassen. Oder mit Immenhausens eigenen Worten: „Ein kleines Gesamtkunstwerk.“

Er wollte seinen Kindheitsort nie aufgeben, auch wenn er die 50er und 60er Jahre im Dorf Stolpe, dem Kern des Ortsteils Wannsee, als sehr spießig empfunden hatte. „Aber ich sah die Chance, hier etwas zu machen, einen Ort der Kultur und Kommunikation zu schaffen.“ uma
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