Nzinga statt Nachtigal: Geheimjury hat sechs neue Namen für Afrikanisches Viertel ausgesucht

Bertrand Njoume und Sabine Weißler präsentierten die sechs Namensvorschläge aus dem umstrittenen Verfahren. Nun soll die BVV entscheiden. (Foto: Dirk Jericho)
 
Die Jury für die Straßenumbenennung im Afrikanischen Viertel. Foto: Dirk Jericho (Foto: Dirk Jericho)

Wedding. Die heftig umstrittene Umbenennung von drei Straßen im Afrikanischen Viertel geht in die nächste Runde. Die von Kulturstadträtin Sabine Weißler (Grüne) berufene Jury aus zwölf Mitgliedern – die Hälfte aus der sogenannten afrikanischen Community – hat sechs Namen ausgewählt, über die die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) entscheiden soll.

Es könnte sein, dass die Anwohner vom Nachtigalplatz bald am Nzingaplatz wohnen. Die afrikanische Königin Nzinga von Matamba (1583-1663) hat ihr Reich im heutigen Angola gegen portugiesische Invasoren verteidigt. Oder die Lüderitzstraße bekommt den Namen Yaa-Asantewaa-Straße, benannt nach der Königinmutter von Edweso, einem Teilstaat des Aschantikönigreiches. Yaa Asantewaa (1863-1923) hatte den Aufstand der Aschanti gegen die britische Kolonialherrschaft über die damalige Goldküste im heutigen Ghana angeführt. Weitere von der seit März geheim tagenden Auswahljury beschlossenen Namen, aus der die BVV drei für die Umbenennung auswählen soll: Martin Dibobe (1876-1922?), Rudolf Manga Bell (1873-1914), Wangari Maathai (1940-2011) und Miriam Makeba (1932-2008).

Sabine Weißler hat die Namensvorschläge gemeinsam mit dem Jury-Vorsitzenden Bertrand Njoume, Lehrer und Mitglied im Afrika-Rat-Berlin-Brandenburg, vorgestellt. Viele Anwohner werden eher unzufrieden sein mit den neuen Namen. Das zeigt schon die Tatsache, dass bei der auf der Pressekonferenz verteilten Namensliste nur Nachnamen stehen, obwohl laut Njoume auf den Straßenschildern die vollen Namen stehen sollen. Und die teils komplizierten Schreibweisen werden ihr Übriges tun. Nicht mal die Auswahlkommission – von Weißler persönlich ernannt – ist sich über die Schreibweisen einig. Auf der verteilten Namens-Vorschlagsliste steht Asanteewa, auf dem dazu gereichten Infoblatt zur Person jedoch Yaa Asantewaa.

Die BVV hatte 2016 die Umbenennung der Lüderitzstraße, Petersallee und des Nachtigalplatzes beschlossen, um die Namen von Vertretern des deutschen Kolonialismus zu tilgen.

Kritik am Prozedere

Das Prozedere der geplanten Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel ist sehr umstritten. Kritiker werfen der Stadträtin Intransparenz vor. Die 190 Bürgervorschläge, die in den geheimen Sitzungen rausgeflogen sind, werden nicht verraten. Wie Jury-Chef Bertrand Njoume sagte, habe die Jury „jeden Vorschlag ausführlich besprochen und alle Aspekte gewissenhaft geprüft“. Grundlage sei der BVV-Beschluss gewesen. „Er war unsere Bibel“, so Njoume.

Die BVV hatte beschlossen, einen Prozess zur Umbenennung der Petersallee, der Lüderitzstraße und des Nachtigalplatzes durchzuführen. Eine Jury, bestehend aus Bezirksamt, Mitgliedern der BVV, Aktiven der Afrikanischen/Postkolonialen Community und weiteren Initiativen, sollte Namen auswählen, die „Persönlichkeiten – insbesondere Frauen – der (post-)kolonialen Befreiungs- und Emanzipationsbewegung aus Ländern Afrikas ehren“. Weißler hatte im Dezember alle 3000 Anwohner angeschrieben und um Vorschläge gebeten.

Die Namen Adolf Lüderitz und Gustav Nachtigal schaden laut BVV-Beschluss „dem Ansehen Berlins und sind mit dem heutigen Demokratieverständnis nicht mehr im Einklang“. Der Nachtigalplatz ist nach dem Afrikaforscher und Kolonialpolitiker Gustav Nachtigal benannt, die Lüderitzstraße nach dem Kaufmann Adolf Lüderitz, der in der früheren Kolonie Deutsch-Südwestafrika im heutigen Namibia aktiv war.

Streitpunkt Petersallee

Bei der Petersallee ist die Sache etwas anders. Sie wurde 1939 nach dem Kolonialpolitiker und Unternehmer Carl Peters benannt, der wegen seiner Brutalität auch Hänge-Peters genannt wurde. Die Straße wurde 1986 auf Drängen der Anwohner bereits umgewidmet und ehrt seitdem den NS-Widerstandskämpfer und CDU-Politiker Hans Peters. Laut Sabine Weißler weiß das aber niemand und die Leute würden die Petersallee mit dem bösen Peters in Verbindung bringen. Belege dafür, dass dies wirklich so ist, hat sie nicht, sondern nur das „Echo“, das sie bekommt.

Das Rechtsamt hat in einer Stellungnahme eindeutig davon abgeraten, die Petersallee umzubenennen und signalisiert, dass Klagen dagegen sehr wahrscheinlich erfolgreich sein würden. Weißler hält trotzdem an der Umbenennung fest und will jetzt „den Werkzeugkasten sichten“ um einen Weg zu finden, das „Dilemma aufzulösen“.

Anwohner hatten 2011 die Initiative Pro Afrikanisches Viertel (IPAV) gegründet, um Straßenumbenennungen zu verhindern. Die IPAV hatte Tausende Unterschriften gegen die geforderte Umbenennung gesammelt und 2016 Kompromissvorschläge gemacht: Der Nachtigalplatz solle wie bei der Petersallee umgewidmet werden und statt wie bisher dem Kolonialpolitiker Gustav Nachtigal dem Theologen und Schriftsteller Johann Karl Christoph Nachtigal gewidmet werden. Die Lüderitzstraße soll nicht mehr Adolf Lüderitz gewidmet sein, sondern der nach ihm benannten Hafenstadt Lüderitz, so die Idee.

"Stümperhaftes Vorgehen"

Die IPAV protestiert scharf gegen die präsentierten Umbenennungsvorschläge. „Alle nun genannten Namen sind leider verbrannt durch Heimlichtuerei und stümperhaftes Vorgehen der Stadträtin“, sagt Karina Filusch von der IPAV. „Die liederliche Aufbereitung der durch die Stadträtin den Medien präsentierten Namensliste ohne Unterscheidbarkeit zwischen Vor-, Zu-, Tauf- und Stammesnamen der zu Ehrenden weist eine unglaubliche Geringschätzung der zu Ehrenden aus und wäre, von gegnerischer Seite verwandt, zu Recht als rassistisch und diskriminierend gebrandmarkt worden! Wir schämen uns vor den schwarzen Anwohnenden des Afrikanischen Viertels, die ebenso wenig eine Stimme im Verfahren hatten für diese unsäglichen Vorgänge und die schlampige Arbeit der so genannten Jury“, so die IPAV-Sprecherin.

Die Umbenennung der 1986 nach Hans Peters umgewidmeten Petersallee lehnt die Initiative ab, weil sie „in der Form abstoßend und in der Argumentation der Stadträtin scheinheilig“ sei. „Nach jahrelanger eigener Untätigkeit, die in Jahrzehnten seit 1986 mangelhaften Bemühungen um Bekanntmachung des neuen Namenspatrons zu verändern, beschreibt sie das eigene Versäumnis als angebliches Problem und Begründung, einen verdienten Widerständler gegen die NS-Herrschaft aus ideologischen Gründen gegen einen örtlich in keiner Weise verankerten Namen zu ersetzen. Das haben vergleichbar in Berlin zuvor nur Diktaturen dekretiert”, heißt es. DJ
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