Schweinerei in der Kinderfarm: Von Räumung bedrohter Bauernhof gibt Tieren Asyl

Siggi Kühbauer hat schnell eine Gehege für die asylsuchenden Neubewohner hergerichtet. Tierschützerin Anne-Marie Artru und die achtjährige Sara freut das. (Foto: Dirk Jericho)
Berlin: Weddinger Kinderfarm |

Wedding. Die Weddinger Kinderfarm hat zwei neue Bewohner. Peggy und Mini heißen die kleinen Schweine, die Aktionskünstlerin Anne-Marie Artru in die Obhut der beliebten Kinderfarm gegeben hat.

Wieder war die Polizei im Kinderbauernhof an der Luxemburger Straße. Doch diesmal nicht wegen der Streitigkeiten zwischen Bezirk und dem Verein Weddinger Kinderfarm als Betreiber, sondern um neue Bewohner zu bringen. Peggy und Mini heißen die Ferkel, die seit ein paar Tagen die Stars für die Kinder sind.

Das Ordnungsamt war am 15. Juni mit Polizeiunterstützung in der Galerie der Künstlerin Anne-Marie Artru in der Oldenburger Straße erschienen, um die Tiere zu beschlagnahmen. Nachbarn hatten sich über die Tierschützerin beschwert, die im Moabiter Kiez mit den Schweinen spazieren geht, damit gegen Massentierhaltung protestiert und Leute zum Nachdenken über ihren Fleischkonsum anregen will. Die Tiere hat Artru aus einem Brandenburger Mastbetrieb freigekauft, um ihnen ein schönes Leben zu ermöglichen. Nachbarn klagten wegen angeblich nicht artgerechter Haltung; das Ordnungsamt drohte schließlich mit Einschläferung.
„Für unsere Kinder sind die Ferkel eine Attraktion und die Tiere machen uns große Freude“, sagt Kinderfarm-Chef Siggi Kühbauer, bei dem Anne-Marie Artru ihre Schweine unterbringen konnte. „Hier fühlen die sich richtig wohl, bis ich etwas anderes gefunden habe“, freut sich Artru über die prompte Hilfe. Die achtjährige Sara kommt gerade mit Peggy und Mini vom Spaziergang zurück.

Auf der Kinderfarm, einem Großstadtidyll mit über 60 Tieren, geht es weiter wie immer. Obwohl das Bezirksamt dem Träger nach 33 Jahren gekündigt und Ende März alle Zahlungen eingestellt hat, ist viel los. Nachbarn bringen Futter für die Tiere, viele Helfer arbeiten ehrenamtlich in den Ställen. Spenden und noch ein paar Rücklagen sind es, die dafür sorgen, dass die Tiere nicht verhungern.

Wie berichtet, hatte Jugendstadträtin Sabine Smentek (SPD) dem Verein gekündigt, weil dieser trotz mehrfacher Aufforderungen und Nachfristen Abrechnungsunterlagen nicht eingereicht hatte. Die Förderung, bisher knapp 200 000 Euro jährlich, wurde zum 31. März eingestellt. Der Jugendhilfeausschuss will wie Smentek auch, dass ein neuer Träger die Kinderfarm übernimmt. Eine Ausschreibung läuft, mittlerweile soll es sechs Interessenten geben. Für den 9. Juli hat das Gericht einen Gütetermin zwischen Verein und Bezirksamt anberaumt. Kühbauer will die fehlenden Papiere nachreichen und weitermachen. Die Kinderfarm wird er nicht freiwillig aufgeben. Dem Gütetermin werden wohl wegen der gegensätzlichen Positionen weitere juristische Auseinandersetzungen folgen.
„Unser Ziel ist die Einigung auf Übergabe des Geländes“, sagt Smentek. Wie das gehen soll, ist mehr als fraglich. Ein neuer Träger kann nicht einfach die Tiere und Gebäude übernehmen, die laut Kühbauer dem Verein gehören. Der Kinderfarmchef zählt mit einem siegessicheren Lächeln im Gesicht etliche Paragrafen auf, die eine Übernahme unmöglich machen würden.

Kühbauer ist ein streitbarer Kämpfer für Kinder- und Jugendrechte und pocht seit 20 Jahren auf die Einhaltung des Jugendhilfegesetz, nach dem zehn Prozent des Jugendhilfeetats für die Jugendarbeit ausgegeben werden müssen. In Berlin sind es nur etwa vier Prozent. Jetzt will er wissen, wo das Geld geblieben ist, das der Bezirk seit drei Monaten dem Kinderprojekt vorenthält.

DJ
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