Wirtin wusste davon nichts

Die Gäste bleiben seit Tagen weg. Wirtin Karin Ruch vor den eingeschlagenen Scheiben bangt um ihre Existenz. (Foto: Dirk Jericho)

Wedding. Selbsternannte antifaschistische Initiativen feiern auf Internetblogs wie "Auf die Pelle rücken!" oder "Linksunten" einen Sieg gegen Rechtsextremisten.

Die Scheiben sind eingeschlagen, die Wände mit "Nazis raus" beschmiert. Wirtin Karin Ruch steht vor ihrer Gaststätte Postkutsche am Nettelbeckplatz und hat Angst. Linksextremisten haben am 14. Oktober nachts das Lokal demoliert. Mit etlichen Fotos von den zerdepperten Scheiben rühmen sie sich im Internet unter dem Titel "Postkutsche Wedding demoliert wegen NPD-Veranstaltung" für den Angriff. Der Polizeiliche Staatsschutz ermittelt.

In dem Lokal hatten sich am 18. September rechtsextreme Funktionäre getroffen. Am 16. Oktober wollte der "Auschwitzprozeßführer" Gerd Walther, wie er sich selbst auf seiner Website nennt, bei einer Veranstaltung des Hoffmann-von-Fallersleben-Bildungswerkes (HvFB) einen Vortrag in der Postkutsche zum Thema "Der Revolutionsentwurf Horst Mahlers und dessen Verwirklichung in Moskau" halten. Laut Verfassungsschutz ist das HvFB eine Tarnorganisation für Veranstaltungen von Rechtsextremisten. Die Veranstaltung wurde abgesagt, "weil deutschfeindliche Schlägerbereitschaften die Inhaberin des Lokals in Zusammenarbeit mit Dienststellen des Senats bedroht und unter Druck gesetzt haben", wie Walther auf seiner Website schreibt.

Karin Ruch beteuert, nichts von den politischen Hintergründen gewusst zu haben. Etwa 25 Leute in Schlips und Anzug hätten am 18. September im Grünen Salon Eisbein gegessen. "Ich kannte die nicht", sagt die 69-Jährige. Von einer Reservierung am 16. Oktober will sie nichts gewusst haben.

Der Überfall auf die Postkutsche fand statt, nachdem der Grünen-Direktkandidat in Wedding, Daniel Gollasch, eine Presseinformation mit dem Titel "Weddinger CDU soll gemeinsamen Stammtisch mit der NPD verlassen" verschickt hatte. Weil die Weddinger CDU das Lokal häufig zum Beispiel für Bürgersprechstunden nutzt, hatte Gollasch Weddings CDU-Chef Sven Rissmann aufgefordert, "die Kooperation mit dem Restaurant Postkutsche zu beenden." Es verbiete sich, "sich an den gleichen Stammtisch zu setzen, an dem die rechtsextreme NPD zu Hass und Gewalt aufruft", so Gollasch. Mehrere Tage nach dem Überfall der Linksextremen distanzierte er sich von der Tat und "verurteilte, dass Unbekannte Scheiben des Lokals eingeworfen haben". "Die Inhaberin versicherte mir im persönlichen Gespräch, von den Inhalten der Veranstaltung nichts gewusst zu haben. Dies glaube ich ihr", schreibt Gollasch.

Warum er nicht zuerst ein Gespräch mit der Wirtin, die selbst CDU-Mitglied ist, gesucht sondern sofort öffentlich Stimmung gemacht hat, erklärt er nicht.

Die CDU hat laut Hagen Streb von der BVV-Fraktion Gollasch wegen der "Schmäh-Emails und verleumderischen Denunziationen" angezeigt. Von "angeblichen NDP-Veranstaltungen in der Postkutsche" hätten weder die Inhaberin noch die CDU gewusst, so Streb. "Frau Ruch ist in zweifacher Weise Opfer geworden. Einmal durch Rechtsextreme, die sich bei ihr eingeschlichen haben und sie dadurch in Misskredit bringen und einmal durch die vollkommen überzogene und gewaltsame Reaktion der Linksextremen."


Dirk Jericho / DJ
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