Ohne Gesetz und Ordnung: Zukunftsangst trieb Ahmad und seine Familie nach Europa

Musiker Ahmad ist zufrieden, dass er und seine Familie wieder in Frieden leben können. (Foto: Angelika Ludwig)

Weißensee. Flüchtlinge sind Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, um ihr Leben zu retten. Doch wie geht es weiter – hier in Berlin? Die Berliner Woche schaut hinter die Türen der Flüchtlingsheime und stellt einige der neuen Nachbarn vor.

Ahmad, ein stämmiger Mann um die 30 mit gewelltem, grau meliertem Haar, sitzt in der Straßenbahn M 4 auf dem Weg nach Weißensee. Dort wohnt der Damaszener mit Frau und Kindern seit anderthalb Jahren in einem Apartment im Wohnheim. Im Gepäck hat er eine Geige, die er wie seinen Augapfel hütet. Sie ist die emotionale Verbindung zu seiner syrischen Heimat. Mit ihrer Hilfe kann er trauern, weinen und sich einer ihm noch immer fremden Gesellschaft mitteilen.

Bis zum Krieg war er Mitglied einer Band und konnte durch das Musizieren sich und seine Familie ernähren. Die Band spielte traditionelle arabische Lieder und hatte Konzerte in vielen arabischen Ländern. Seine Frau studierte zu dieser Zeit Psychologie. Als in Syrien das Militär anfing, auf das eigene Volk zu schießen, verkaufte er seine geliebte Geige und seine Frau brach ihr Studium ab. Sie machten sich gemeinsam mit ihren zwei kleinen Kindern auf den Weg nach Libyen.

Ein Jahr arbeitete der robust wirkende Ahmed dort als Maler. „Ich verdiente sehr gut. Doch was bedeutet das, wenn du umgeben bist von Hoffnungslosigkeit und fehlender Sicherheit, ohne Gesetz und Ordnung“, fragt sich Ahmad und diese Erinnerung zeichnet Sorgenfalten auf sein Gesicht. Seine Gedanken kreisten immer um die Zukunft seiner Kinder. Deshalb entschied sich das Paar, den unwirtlichen Ort zu verlassen und mit dem hart verdienten Geld das Wagnis einer Flucht per Boot in Richtung Italien einzugehen.

Ein waschechter Berliner

Die Familie hatte Glück im Unglück. Es gelang ihr, ohne im Gefängnis zu landen oder registriert zu werden, bis nach Deutschland zu ziehen. Nun dürfen sie erst einmal drei Jahre hier bleiben.

Der beste Beweis, dass sich Ahmad und seine Familie hier sicher fühlen, ist der Neukauf einer Geige und vor allem Adam. „Adam ist unser süßes Baby, ein paar Monate alt und ein waschechter Berliner.“ Der stolze Papa sucht einen Job als Maler, um seinen Sprösslingen und seiner Frau, die jetzt an Haus und Herd gebunden ist, zu unterstützen. Beide lernen fleißig Deutsch, obwohl sie die Sprache als extrem schwer empfinden. Der siebenjährige Sohn wird sie dabei wohl bald unterstützen können, er geht bereits in die zweite Klasse.

Schwierig ist für den Familienvater auch die distanzierte Art der meisten Deutschen. „Man kommt nicht schnell in Kontakt mit ihnen.“ Die Kinder sind dabei seine große Hoffnung. Sie werden es den Eltern in Zukunft leichter machen, die neue Kultur besser zu verstehen und sich in Deutschland zu integrieren. ALR
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