Schüler fanden Worte für die Auschwitz-Befreiung

Schüler erinnerten sich an die Mordmaschinerie der Nationalsozialisten und gestalteten ein Programm. (Foto: Schubert)

Westend. Man ist nie zu jung, sich zu erinnern: Das Jugendamt, die evangelische Kirchengemeinde Eichenallee, die Waldoberschule und der Verein "Erinnern und Verantwortung" riefen zur Gedenkveranstaltung am Blauen Obelisken am Theodor-Heuss-Platz. Auch 70 Jahre nach Auschwitz rangen Schüler um Fassung.

Geschichte und Gegenwart, das Damals und die wieder laut werdenden Parolen von heute. Es gibt einen Zusammenhang. Und Xisa und Karl von der Waldoberschule stellten dem Gedenken am Theodor-Heuss-Platz ganz bewusst in Zusammenhang mit aktuellen Erscheinungsformen von gestriger Ideologie: "Wir erleben bei Pegida, wie leicht es ist, andere auszugrenzen und damit einfache Antworten auf komplizierte Fragen zu finden", lenkte Karl den Blick nach Dresden. Und Xisa warnte davor, beim Kampf um Gleichberechtigung von Behinderten aufzugeben: "Wir sollten die nicht vergessen, die heute im Zuge einer kostenneutralen Inklusion an unterversorgte Regelschulen kommen und dort ausgegrenzt werden."

Diesmal galt das traurige Erinnern an die Befreiung von Auschwitz vor allem den jugendlichen Opfern des Naziterrors. Die so genannte Euthanasie geplant in der Tiergartenstraße 4 - gleichbedeutend für den Massenmord an geistig und körperlich Behinderten. Etwas, das Hitler "Gnadentod" nannte und laut Duden "leichter Tod" bedeutet. Die Wahl einer solchen Begrifflichkeit angesichts de Grausamkeit - für Roxana vom Herder Gymnasium etwas, das sich kaum ermessen lässt. "Es ist, als wäre ich blockiert", beschreibt sie die schockartige Folge ihrer Recherchen. Alzheimer und Schizophrenie als Tötungsgrund. Sterilisation zur Verhinderung von Nachkommen. Über 100 000 Opfer forderte diese Ideologie. In dem Sinne will Roxana im Bewusstsein behalten, "was wahre Katastrophen sind".

Euthanasie als Lösung, Ärzte als Täter. "Bei mir kommt eine unglaubliche Wut auf, auf alle, die tatenlos zugesehen haben", fuhr Mitschülerin Sophie fort. Das Argument, ein Geisteskranker würde pro Jahr 766 Reichsmark kosten, stieß damals auf fruchtbaren Boden.

Und Amin stellte noch einmal heraus, welch groteske Beschönigung mitschwingt, wenn man das Wort "Euthanasie" so verwendet wie es die Nazis taten: "Mit Gnade und Erleichterung hatte die systematische Massentötung nichts zu tun." Nach Protesten sei das Programm 1941 nur inoffiziell gestoppt worden - in Wirklichkeit führte man es andernorts entschlossen fort. "Eines der schlimmsten Verbrechen, das Menschen aneinander ausüben können", urteilt Amin. Für ihn und viele andere Schüler der Grund, weshalb, sie die Geschichte immer wieder neu erzählen werden. Auch 71 Jahre, nachdem Auschwitz die Tore schloss.


Thomas Schubert / tsc
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