Gedenktafel-Enthüllung nach fast zweijährigen Debatte

Knapp zwei Jahre nach Antragstellung erlebte der Historiker Michael Roeder eine feierliche Enthüllung der Tafel mit Musik und nachdenklichen Wortbeiträgen. (Foto: Schubert)

Wilmersdorf. Es war schon ein Politikum in Zeiten vor der Bezirksfusion. Und nun überwand Historiker und Antragsteller Michael Roeder alle Bedenken: Die Gedenktafel zu Ehren von Deserteuren gegen das NS-Regime befindet sich genau an jenem Ort, wo Soldaten einen 17-Jährigen erhängten,

Seinen Namen weiß niemand. Sein Schicksal: Der Tod als eines der letzten Opfer des Nazi-Terrors. Mit 17 Jahren endete das Leben eines jungen Mannes an der Stelle, an der heute eine Mittelinsel die Uhlandstraße an der Kreuzung Berliner Straße zu überqueren hilft. Der Krieg war im Frühjahr 1945 eigentlich schon verloren. Aber der Fanatismus der Wehrmachtssoldaten wand sich nun auf Hitlers Befehl gegen jeden, der seine Waffe nicht erheben wollte. Also zerrten SS-Kräfte eben jenen jungen Mann aus einem Keller. Sie nahmen eine Wäscheleine und knüpften ihn an einem Mast auf, ließen ihn tagelang dort hängen als mahnendes Zeichen, mit einem Schild am Hals, das besagte: "Ich war zu feige, um für Deutschland zu kämpfen."

An dieser Stelle also nun: eine schlichte Tafel. Nicht nur für jenen Deserteur im Besonderen, sondern auch für "alle anderen, die sich der Teilnahme am Krieg verweigerten und deshalb ermordet wurden", so beschied es die Gedenktafelkommission des Bezirks am Ende eines vielmonatigen Disputs.

Nicht Deserteure waren sie, sondern Helden", sagte der Historiker Wolfgang Benz zur Enthüllung. "Keine andere Armee der Welt", stellte er heraus, "hat so gegen die eigene Truppe gewütet wie Hitlers Wehrmacht." Und erst langsam kommt die Auseinandersetzung mit dieser Opfergruppe in Gang.

Dass die brisante Thematik in allen Teilen der Gesellschaft die Gemüter bewegt, zeigte die Anteilnahme von über 100 Gästen. Neben Benz sprachen zur Enthüllung unter anderem auch Laura von Wimmersperg von der Friedensinitiative Wilmersdorf, die den Tathergang ursprünglich recherchiert hatte, Bürgermeister Reinhard Naumann (SPD), der von Beginn an für eine Gedenktafel auf Antrag von Michael Roeder eingetreten war. Und die 17-jährige Schülerin Jade Karoui. Nicht Feigheit, sondern Mut - den habe ihr Altersgenosse damals bewiesen. "Den Mut, sich gegen Unrechtstaten im Krieg aufzulehnen. Den Mut, sich dagegen zu wehren, andere Menschen zu töten. Eine solche Entscheidung zu treffen, ist aus meiner Sicht unvorstellbar", sagte Jade. "Gerade weil ich im selben Alter bin."


Thomas Schubert / tsc
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