Autor Sebastian Petrich: Warum der Ludwigkirchplatz so schön ist

Ein Ort zum Abschalten: Sebastian Petrich hält den Kiez so ziemlich für den schönsten Berlins - er kennt aber auch 19 Alternativen. (Foto: Thomas Schubert)
 
Mikrokosmos im Schatten der Kirche: Am Ludwigkirchplatz wird man laut Sebastian Petrich nicht den Zeitgeist finden, dafür unaufgeregtes Großstadtleben. (Foto: Thomas Schubert)
Berlin: Ludwigkirchplatz |

Wilmersdorf. Tiefenentspannte Straßencafés, quietschvergnügte Kinder, herrschaftliche Bauten: Rund um den Ludwigkirchplatz ist die lässige Lebenslust des Berliner Westens seit jeher zu Hause. Und in Sebastian Petrichs Buch „Die schönsten Berliner Kieze“ spielt das Viertel eine Schlüsselrolle.

Wenn abends die Glocken von St. Ludwig läuten, gleißt fleckiges, gelbes Sommerlicht durchs Blätterdach. Wohin man blickt: Kinder, Kinder, Kinder. Der Platz im Rücken des Kirchturms schafft Prenzlauer-Berg-Stimmung, nur ohne die angestrengte Inszenierung des Nachwuchshabens. In diesem Teil Wilmersdorfs ist urbanes Familienleben noch so selbstverständlich, dass es nicht zur Show gerät. Der Platz vor dem Kirchturm liegt des Abends im Sonnenschein. Man sitzt dort umfangen von der Selbstverständlichkeit des Schönen, sieht Blumen, gepflegten Rasen, eine kleine Fontäne.

Unaufgeregter Kiez

Der Ludwigkirchplatz ist schön, ohne jede Einschränkung. Hippes Gehabe? Bleibt dem Viertel fremd. Und in dieser Hinsicht wird es nicht viele andere Innenstadtquartiere geben, die es mit dem "Ludwig“ aufnehmen können. Im Schatten des Lokals „Kuchel-Eck“ sitzt bei einem Hefeweizen jemand, der es wissen muss: Sebastian Petrich, Jahrgang 1975, Autor des Buchbands „Die schönsten Berliner Kieze“. In einer Reihe von 20 Streifzügen durch Stadtbereiche mit sehr unterschiedlicher Ästhetik ist dieser hier wahrlich ein Schönling wie aus dem Buche. Dabei beginnt das „Ludwigkirch-Kapitel“ gar nicht an der katholischen Kirche, sondern etwas weiter südlich.

„Da gibt es diesen herrlichen Kontrast zwischen strengen Behördenbauten am Fehrbelliner Platz und der Wiese des Preußenparks, auf dem die Thais campieren“, baut Petrich einen Spannungsbogen. „Das Viertel selbst ist ein Geselligkeitskiez.“ Reich an gastronomischen Angeboten, macht der "Ludwig“ glücklich, jeden nach seiner Facon. Entweder schwelgt man im Angebot von „Zigarren Herzog“ oder gastiert im Privatrestaurant „Eulenspiegel“ in der Uhlandstraße, wo schon Jodie Foster und Sean Connery Diskretion genossen. Literaturinteressierte wiederum dürften sich auf die Spuren des Schriftstellers Heinrich Mann begeben, der bis kurz vor dem Reichstagsbrand in der Fasanenstraße 61 wohnte.

Man lässt es sich gutgehen

Auch im Hier und Jetzt erkennt ein Ortsfremder den herausragenden Status von St. Ludwig. 1897 erbaut, war dieses katholische Gotteshaus das erste frei stehende seiner Art in Berlin. Bis dato durften nur evangelische Kirchen ohne Einfassung durch Nebenbauten das Stadtbild prägen.

Und heute? „Da lässt man es sich rings um die Kirche gerne gut gehen. Man nimmt es hin, dass der Zeitgeist hier nicht zu Hause ist“, meint Petrich. Dafür müsste der Leser dann schon die Kapitel über den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg aufschlagen. Man sollte weiterblättern bis zum Graefekiez in Kreuzberg oder zum Schillerkiez in Neukölln, wo Petrich selbst lebt und als Texter sein Auskommen findet.

Das Buchprojekt war aber reine Herzenssache. Denn Petrich liebt es, als Flaneur durch die so unterschiedlichen Lebenswelten Berlins zu treiben und Atmosphäre zu schnuppern. Als dann der Elsengold-Verlag Interesse zeigte, begab sich Petrich in Bibliotheken und recherchierte. Als optische Abrundung erstellte der Fotograf Jürgen Henkelmann in jedem Kiez exklusive Bilderserien. Sie zeigen jeweils auch eine ortstypische Persönlichkeit. Am „Ludwig“ handelt sich um Franziskanermönch Pater Damian Bieger. Menschen wie ihn im Berliner Stadtzentrum anzutreffen, gehört zu den selten gewordenen Vergnügen, die Wilmersdorf bis heute bereithält. Auch scheint sich hier eine Garnitur von kleinen Kiezläden gehalten zu haben, die andernorts großen Ketten weichen. „Vielleicht ist die Vermieterpolitik hier noch eine andere“, mutmaßt Petrich.

Das Glockenspiel von St. Ludwig gemahnt offenbar zur Pflege des Bewährten. Dem Französischen König Ludwig IX. als Namenspatron des Hauses verdankt Wilmersdorf im Übrigen auch sein Wappen. Er soll bei den Kreuzzügen sein mit drei Lilien geschmücktes Schild einem Ritter geschenkt haben, der ihm das Leben gerettet hatte. Und dieser Ritter kam – aus Wilmersdorf. tsc

„Die schönsten Kieze Berlins“ von Sebastian Petrich ist im Elsengold Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.
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