Renate Stüwe rettet eine Birke durch den Sommer

Eine Frau und ihr Symbol des Lebens: Renate Stüwe gießt die Birke Nummer 100, so gut es ihre Kräfte erlauben. (Foto: Schubert)

Wilmersdorf. Wer Bäume liebt, weiß Bescheid: Wenn sich oben im Wipfel die Krone lichtet, ist das ein alarmierendes Zeichen. Mit 75 Jahren schleppt Renate Stüwe nun täglich fünf Eimer zum Wässern der Birke vor ihrem Balkon. Aber wo bleiben die Nachahmer?

Hunde pinkeln auf ihre Wurzeln, ein Metallpoller drückt ihr in den Stamm. Und der Boden, aus dem sie wächst, ist hart wie Beton. Nein, gesund wirkt Baum Nummer 100 in der Schlangenbader Straße keinesfalls. Dass es dieser speziellen Birke dennoch etwas besser geht als den meisten ihrer bleichen "Schwestern", dürfte am Einsatz Renate Stüwes liegen.

Täglich lindert sie die nur von wenigen Gewittern unterbrochene Dürre mit Muskelkraft. Eimer füllen und das Wasser dem geschundenen Baum vor die Wurzeln kippen - Stüwe verabreicht fünf Fuhren am Stück.

"Das ist mein Lebensbaum" erklärt die unermüdliche Witwe ihr Werk. Vom Balkon aus blickt sie direkt auf den Wipfel ihres persönlichen Symbols der Vitalität. Und das soll bitteschön nicht welken. Wenn Stüwe also mit dem Eimer losmarschiert, setzt es von den Nachbarn Applaus - aber auch Fragen, über die sie sich wundern muss: Ob sie nicht auch noch die anderen Bäume gießen könne? Der Gedanke, selbst mit anzupacken, kam bisher niemandem in den Sinn.

Doch was bringt solche Fürsorge tatsächlich? Walter Schläger, Leiter des Grünflächenamts Charlottenburg-Wilmersdorf, hat zumindest keine Einwände. "Wenn man nur mit dem Eimer unterwegs ist, kann man es kaum übertreiben. Meistens haben Bäume einen viel größeren Bedarf und holen sich das Wasser tief aus dem Untergrund."

Das Grünflächenamt rückt nur bei neu gepflanzten Exemplaren mit Tankwagen an, um ihnen in den ersten Jahren zu helfen. Später müssen sich die Schattenspender selbst versorgen, was abgesehen von langen Dürrephasen auch meist gelingt. Schläger hält es für denkbar, dass die Mangelerscheinungen bei Birken an der Schlangenbader Straße nicht allein auf Trockenheit beruhen: "Möglicherweise gibt es dort ein anderes Problem."

Das glaubt auch Renate Stüwe. Und da der Boden vom Hundeurin und Kot beinahe versteinert ist, liegt die Ursache auf der Hand. Ein Zettel an der Birke Nummer 100 soll Passanten das Problem nun ins Bewusstsein rufen.

Wenn sich Nachbarn schon vor der Arbeit drücken, sollen sie ihren Hunden zumindest nicht an dieser empfindlichen Baumzeile Erleichterung verschaffen. Denn Birken mit ihren hoch liegenden, feinen Wurzeln tut die ätzende Urindusche besonders weh.


Thomas Schubert / tsc
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