Traditionsgeschäft am Rüdesheimer Platz zieht um

Fritz und Marco Gloger wurde der Mietvertrag gekündigt. Aber sie sind optimistisch, ihren Familienbetrieb an neuem Standort fortführen zu können. (Foto: Wecker)

Wilmersdorf. Seitdem das Haus am Rüdesheimer Platz 1 steht, und das sind jetzt schon 100 Jahre, gab es dort einen Schuster. Das wird sich im nächsten Jahr ändern.

Der neue Hauseigentümer hat den Mietvertrag nicht verlängert. Da halfen auch keine Proteste der Nachbarschaft beim Hausbesitzer. Das wird für die Anwohner, die sich seit Generationen darauf verlassen, dass es am Rüdi einen Schuhmacherbetrieb gibt, eine große Umstellung werden. Künftig müssen sie zur Nauheimer Straße 27/Ecke Binger Straße gehen, denn dahin ziehen Fritz und Marco Gloger mit ihrem Betrieb.

Was auf sie zunächst wie ein Schock wirkte, ist nun zu einer großen Chance geworden. Seit 100 Jahren hat sich in dem Geschäft kaum etwas geändert. Die alte Registrierkasse ist wohl mal ausgetauscht worden, die Schleifbank und Presse sind durch moderne Maschinen ersetzt worden. Der Laden aber ist klein wie eh und je. Hinter dem Schuhregal wird beengt gearbeitet. Die großen Maschinen und das Lager befinden sich im Keller.

Im neuen Laden, der am 6. Januar eröffnen wird, ist der Gang in den Keller passé. Alles ist ebenerdig, der Verkaufsraum wird um 35 Quadratmeter größer und kann so viel freundlicher gestaltet werden.

"Bedeutende Ereignisse hat es in der 100-jährigen Geschichte der Schuhreparatur nicht gegeben", meint Senior Fritz Gloger, der den Betrieb schon von seinem Vater übernommen hat. Dennoch ist auch an diesem Laden die Geschichte ablesbar. Der Erstbesitzer von 1913 war jüdisch oder wurde zumindest von den Nazis als Jude angesehen. Er musste verkaufen. Übernommen hatte das Geschäft Josef Welle, der damit sein Stammgeschäft an der Wiesbadener Straße/Ecke Südwestkorso erweiterte. Bei ihm ging Fritz Gloger in die Lehre und trat dann 1970 mit 24 Jahren die Nachfolge im Geschäft am Rüdesheimer Platz an.

Jetzt bereitet sich sein Sohn Marco auf die Übernahme vor. Er ist praktisch in dem Geschäft groß geworden und möchte den Geruch nach Leder und Schusterleim nicht mehr missen. Vor allem schätzt er aber, dass er die Chance hat, seinen Lebensunterhalt ohne Chef über sich verdienen zu können. Das ist beileibe kein Zuckerschlecken, denn das Geschäft ist sechs Tage die Woche von früh bis spät geöffnet; hinzu kommen Schlüsselanfertigung und die Schnellreparatur innerhalb eines Tages. Da bleiben vom Feierabend und dem Wochenende wenig übrig. Dazu kommt noch die Lehrausbildung. Glogers nehmen gern Lehrlinge, doch zumeist haben die Bewerber Flausen im Kopf. Kaum jemand möchte mal den Betrieb übernehmen oder eine eigene Schuhmacherei eröffnen. "Zumeist sehen die Bewerber die Lehre als Voraussetzung für das Studium des Schuhdesigns an", sagt Marco Gloger. Für die Anfertigung von Schuhen bleibt im Alltagsgeschäft keine Zeit. So beschränken sie diese Kunst nur auf ihr eigenes Schuhwerk.


Frank Wecker / FW
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