Rüdi-Net-Gruppe spielt auch im Winter Pétanque

Wer spielt mit wem? Mit dem "Auswerfen" ermitteln die Boule-Spieler die Zusammensetzung der Teams. (Foto: Matthias Vogel)
 
Peter Starmann gründete 2010 die Boule-Gruppe im Verein Rüdi-Net. (Foto: Matthias Vogel)
Berlin: Rüdesheimer Platz |

Menschen zielen mit faustgroßen Eisenkugeln auf ein kleines Schweinchen und bejubeln auch noch die guten Treffer. Was ist das bloß für eine Welt? Ruhe bewahren, liebe Tierschützer, es ist eine, die noch in Ordnung ist: Diese Menschen spielen nur Boule.

Uralt ist dieses Geschicklichkeitsspiel, das aus Frankreich stammt und dort durchaus Nationalsport-Charakter hat. Genauer gesagt spielen die Menschen am Rüdesheimer Platz und im Finkenpark Pétanque, ein etwas strenger regulierter und damit ambitionierter Ableger des Boule-Spiels. Vorläufer gab es bereits in der Antike und in Frankreich ist seit dem 13. Jahrhundert ein Boule-Spiel mit Holzkugeln bekannt, das 1369 den Soldaten verboten wurde, weil sie es lieber spielten, statt militärische Übungen zu absolvieren. Im 19. Jahrhundert stieg die Popularität des Spiels: In Lyon wurde das "Boule Lyonnaise" entwickelt, in Italien entstand mit "Boccia" eine weitere Version, die Konrad Adenauer besonders liebte, und in Südfrankreich hieß es "Jeu Provencal".

Regeln befolgen

Die Spielidee aller Varianten ist simpel. In Teams wird gegeneinander angetreten, und zunächst ein kleiner gelber Ball geworfen – den nennen die Franzosen „cochonnet“, was übersetzt Schweinchen heißt. Anschließend versuchen die Werfer der Teams im Wechsel, ihre Metallkugeln möglichst nah am Ferkel zu platzieren. Dabei müssen sie zumindest beim Pétanque mit geschlossenen Beinen in einem kleinen Kreis stehen. Daher rührt auch die Bezeichnung: "pieds tanqués“, was bedeutet „geschlossene Füße“. Punktewertung und kleinere Regeln sind dann schnell erklärt.

Der Mann, der Pétanque zunächst am Rüdesheimer Platz hoffähig machte, heißt Peter Starmann. Er zog 2010 aus Mainz in das Rheingau-Viertel. „Mainz war ja früher französische Besatzungszone und deshalb ist Boule dort relativ weit verbreitet“, sagt er. Auf der Homepage des Vereins und Nachbarschaftsnetzwerks Rüdi-Net begeisterte er sich für die gründlich aufbereitete Geschichte seiner neuen Heimat. „Deswegen bin ich eigentlich Vereinsmitglied geworden“, sagt Starmann. Die Idee, eine Boule-Gruppe innerhalb des Vereins zu gründen, ließ nicht lange auf sich warten. Noch im Sommer des gleichen Jahres blies Starmann, in Mainz als aktiver Spieler unterwegs, zum ersten Mal zur „Schweinchen“-Jagd. „Das hat ganz gut gepasst“, erinnert er sich. „In dem Jahr feierte Pétanque, entwickelt 1910 in der der südfranzösischen Provinzstadt La Ciota, nämlich den 100. Geburtstag.“

Geeignete Plätze sind rar

Starmanns Idee kam an. 45 aktive Mitglieder zählt die Boule-Gruppe von Rüdi-Net mittlerweile. Sie sind zwischen 30 und 80 Jahre alt und messen ihre technischen und taktischen Fähigkeiten immer mittwochs im Finkenpark nahe der irakischen Botschaft. „Zählt ja eigentlich zu Dahlem. Aber erstens ist es nicht leicht, einen geeigneten Spielort zu finden, und zweitens wollen wir auch nicht unbedingt auf unseren Kiez begrenzt sein“, sagt Starmann. Im Winter können die Boule-Spieler aber auch ihr eigenes „Stadion“ nutzen. Hinter dem Siegfried-Denkmal am Rüdesheimer Platz, dort, wo im Sommer der „Weinbrunnen“ seinen Rebensaft ausschenkt, gehen sie immer sonnabends ihrem Hobby nach. An beiden Spieltagen fliegt die erste Kugel um 13 Uhr.

Peter Pankalla ist an der Kugel auf der Bahn im Finkenpark. Er bevorzugt im Gegensatz zu Starmann, der gerne flach wirft, die „Bogenlampe“. „Spiele ich meistens mit Backspin, damit sie dort liegenbleibt, wo ich das gerne hätte“, sagt er. Um den Hals hat er ein kleines Zählwerk hängen, auf dem er mittels drehbarer Scheiben den Spielstand aktualisiert. Pankalla, der sich mit seiner Frau Heidi den Boule-Virus eingefangen hat, beschreibt die Faszination des Spiels so: „Das ist wie beim Golf auf dem Grün. Man muss das Gelände lesen können, das ist nicht einfach und macht die Sache sehr interessant. Ich bin süchtig.“

Das Miteinander steht im Vordergrund

Fünf bis acht Millionen Franzosen geben Pankalla Recht, so viele spielen nämlich regelmäßig Pétanque in ihrem Land – vielerorts auf Bouleplätzen, genannt Boulodrome. Manche sind sogar überdacht, sodass bei jedem Wetter gespielt werden kann. „Illusorisch, dass wir hier in Berlin auch einmal in den Genuss dieses Luxus’ kommen“, sagt Starmann. Aber immerhin: 14 000 Profis und eine Million Freizeitspieler gebe es in Deutschland auch. „In Berlin existieren 15 Boule-Vereine, zum Teil wird das dort auch professionell gespielt“, so Starmann. „Bei uns steht aber das nachbarschaftliche Miteinander im Vordergrund.“ Was aber übrigens nicht heißt, dass nicht jeder ein Maßband dabei hätte, wenn wieder einmal nur Millimeter über Sieg und Niederlage entscheiden. Wie auf Kommando kommt Peter Pankalla noch einmal vorbei und ruft feixend: „Wein, eine Schachtel Gauloises und Pastis gehören einfach dazu.“ Ist die Boule-Gruppe vom Rüdi etwa nur etwas für frankophile Nachbarn? Mitnichten, auch wer lieber Tee oder ein Bier mag, ist willkommen. Es wird einfach dem gefrönt, was Boule ist und was sich die Kontrahenten vor jeder Partie wünschen: "Schönes Spiel!“
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