Glücklich ohne Gewinn: Weltladen „A Janela“ sucht ehrenamtliche Mitarbeiter

Püppchen wechsel dich: Judith Siller zeigt den bösen Wolf, der erst dann zum Vorschein kommt, wenn man Rotkäppchen auf den Kopf stellt. (Foto: Thomas Schubert)
 
Platz zur Selbstentfaltung: Dem Weltladen „A Janela“ fehlt es nicht an Vielfalt, aber an Personal. (Foto: Thomas Schubert)
Berlin: Weltladen A Janela |

Wilmersdorf. Mitleid zieht nicht: Was Judith Sillers Team im Weltladen verkauft, muss Kunden begeistern. Taschen aus Indien. Puppen von den Philippinen. Trockenfrüchte aus Usbekistan – das soll gefallen, losgelöst vom guten Zweck und Streben nach Gewinn. Gerade deshalb sucht man Verkäufer mit Herz.

Nirgends sind sich Rotkäppchen und der Wolf so vertraut wie auf den Philippinen. Judith Siller fischt ein doppeltes Püppchen aus dem Regal, lässt es auf ihren Fingern zappeln. Plötzlich stülpt sie die Rotkäppchen-Figur um, krempelt das Unterste zu oberst. Und da glotzt der Wolf aus Großmutters Kleid. Glanzäugig, gar nicht grimmig. Handarbeit aus dem pazifischen Inselstaat.

Das Besondere suchen

Überraschung! Ein Weltladen muss nicht mit handverpackten Rosinen und Kaffee daherkommen – auch wenn es das bei „A Janela“ (zu Deutsch: Das Fenster) natürlich gibt. In den 19 Jahren seit Eröffnung des Geschäfts in der Emser Straße 45 hatte man genügend Zeit, zu erproben, was in Sachen „Fair Trade“ geht und was nicht. In einer Epoche, da Supermärkte zertifizierten Kaffee und Bio-Honig aus Problemländern für sich entdecken, brauchen die rund 800 Weltläden in Deutschland als einstige Vorreiter neue Merkmale der Alleinstellung. Kunsthandwerk aus Südafrika zum Beispiel, Handtaschen aus Indien. Und etwas, das besonders schwierig fair zu handeln ist: Mode.

„Die Zeiten, in denen man in Weltläden nur einfache Baumwollshirts erstehen konnte, sind vorbei“, betont Siller die Mühe, sich mit elegantem Zwirn vom Klischee zu lösen. „Von den Gewinnspannen bei Lebensmitteln kann man kaum eine Ladenmiete bezahlen“, erklärt sie die Entscheidung für den Schwerpunkt auf praktische Gegenstände und Schmuck. Um Gewinne geht es im Weltladen der Kirchengemeinde St. Ludwig ohnehin nicht. So meldet sich das Team weitestgehend ehrenamtlich zum Dienst. Man arbeitet nicht in die eigene Tasche, sondern für das Ideal einer Wirtschaft, die in Herkunftsländern für faire Löhne sorgt. Siller selbst stellt sich noch an den Tresen, wenn ihr Arbeitstag als Musiktherapeutin beendet ist.

Wer macht mit?

Trotzdem oder gerade deshalb gilt: Es wird immer schwerer, Personal zu gewinnen, das unentgeltlich wirken will. „Bisher hatten wir immer einen Stamm von 20 Helfern. Mal ging einer weg, mal kam einer hinzu. Aber es hat sich immer auf diese Zahl eingependelt“, sagt Siller. Doch irgendwann schnellte das Pendel nicht mehr zurück. Auf den Abgang folgte kein Neueinstieg. Also versucht der Weltladen „A Janela“, frisches Personal zu werben, hofft dabei auch auf Leser der Berliner Woche.

Was ein ehrenamtlicher Mitarbeiter leisten muss? Vor allen Dingen muss er oder sie hinter der Idee des fairen Handels stehen, findet Gertrud Hergenhahn, selbst seit neun Jahren im Team aktiv. Sechs freiwillige Dienste im Monat übernimmt sie in der Regel. Ein willkommener Kontrast zur früheren beruflichen Praxis als Krankenschwester. „Jetzt im Rentenalter kann ich der Welt etwas zurückgeben vom Glück in meinem Leben“, beschreibt sie ihre Motivation. Warum sollten sich nicht noch weitere, jüngere Menschen finden, die zu viel Glück haben, um es nicht zu teilen? Bei „A Janela“ gilt es nicht ein Produkt zu verkaufen, sondern eine Idee. tsc

Wer im Weltladen „A Janela“, Emser Straße 45, ehrenamtlich in Aktion treten will, kann vor Ort Kontakt aufnehmen oder unter www.ajanela.de.
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