Was vom Zentrum übrig blieb: Glasfenster „überleben“ Abriss der Kirche St. Geneviève

Restaurator Hans Schelkle hat die Glasfensterwand der ehemaligen Kirche in der Cité Foch genau untersucht, Schäden dokumentiert und kartiert. (Foto: Berit Müller)
 
Bagger und Abrissbirne herrschen in der Cité Foch. (Foto: Berit Müller)

Wittenau. Wo früher das Einkaufs- und Gemeindezentrum der Cité Foch stand, herrschen heute Abrissbirne und Bagger. Auch eine Kirche zählte einst zum Ensemble – vom Gotteshaus bleiben nur die Glasfenster erhalten.

Ein hipper „Dancefloor“ wäre vorstellbar. Vielleicht auch ein Restaurant. Ein Drinnen-Spielplatz mit Kletterwand? Ein Museum. Oder schlicht eine vielseitig nutzbare Veranstaltungshalle: Der geräumige Hauptraum der ehemaligen katholischen Kirche St. Geneviève an der Avenue Charles de Gaulle hat trotz Schuttbergen, Leerstandschäden und Abrissaura etwas Besonderes – dank seiner bunten, saalhohen Glasfensterwand. Weshalb Ideen für eine mögliche Nutzung in den Kopf schießen. Doch die erübrigen sich. Die Tage des längst entweihten Gotteshauses sind gezählt; samt Kirchturm fällt es in Kürze der Abrissbirne anheim.

Seit dem Frühsommer sind in der Cité Foch Bagger und Bauarbeiter unterwegs; nach zehnjährigem Leerstand musste das einstige Stadtteilzentrum der französischen Streitkräfte und ihrer Familien einem Neubauprojekt weichen. Rund 300 Wohnungen sollen nun bis 2018 entstehen; etwa ein Drittel für Mieter, die Mehrzahl als Angebot für Kaufwillige. Investor ist der Immobilienentwickler BDP, ein Tochterunternehmen der Rabobank-Gruppe.

Vom Gemeindezentrum wird spätestens Ende des Jahrs also nicht viel übrig sein – mit Ausnahme der Glasfenster, die St. Geneviève einst schmückten. Die bunten Scheiben aus dem Jahr 1979 sind ein Werk des deutschen Künstlers Johannes Beeck (1927-2010) und der Münsteraner Glasmalerei-Firma Knack. Sie sind eigens für die Kirche der Cité-Foch-Bewohner entstanden, die ab 1977 errichtet und 1980 eingeweiht wurde. Beeck war zu dieser Zeit vielbeschäftigter und anerkannter Glasmaler, er hatte den Wettbewerb für die Fenstergestaltung mit seinem abstrakten Bleiglas-Entwurf gewonnen. „Die Glasfenster sind Zeugnis der deutsch-französischen Nachkriegsgeschichte“, sagt Baustadtrat Martin Lambert (CDU). „Als solches müssen wir sie bewahren – auch wenn wir aktuell noch nicht wissen, ob und wo sie eines Tages wieder zu sehen sein werden.“

Beecks monumentales Buntfenster aus Opalglas misst etwa 20 mal 6,5 Meter und besteht aus 128 Elementen. Jedes Einzelne nahm Hans Schelkle von der Firma RMS Restaurierung in den vergangenen Wochen genau in Augenschein. Der Glasrestaurator hat zunächst sämtliche Schäden erfasst und dokumentiert. Anschließend versah er jede Scheibe mit einer Kennziffer, um anhand eines Rasters festzuhalten, welche wohin gehört. Für den Fall, dass jemand die Bleiglaswand eines Tages wieder zusammenfügen will. Denn am 4. Oktober hat das Unternehmen begonnen, die einzelnen Fenster behutsam auszubauen, zu verpacken und abzutransportieren. „Sie kommen erst einmal in einen Werkshof am Eichborndamm“, sagt Straßen- und Grünflächenamtsleiter Rüdiger Zech, der lange nach einem geeigneten Zwischendomizil fürs Kunstwerk gesucht und es schließlich ausfindig gemacht hat. „Dort können sie sicher und geschützt lagern, bis wir eine neue Verwendung dafür haben.“ bm
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