Verrückter geht's nicht

Hoch her ging es vor guter Kulisse beim gestrigen Pokalfight Foto: Kerstin Kellner
 
Da war die (Zehlendorfer) Welt noch in Ordnung, Torjäger Huke nach seinem 2:1 (49.). Foto: Kerstin Kellner

Zehlendorfer unterliegen Stern 1900 im Pokal 5:6 n. V. / Fünf Mal fiel der Ausgleich



Wären der „kleinen Hertha“ vor dem gestrigen Pokalspiel der 3. Hauptrunde bei Berlin-Ligist Stern 1900 fünf eigene Treffer angeboten worden, die Zehlendorfer hätten das Angebot sofort angenommen. Und wem man auch erzählt, der FC Hertha 03 war ohne ein Elfmeterschießen auf dem gefürchteten Kunstrasenplatz am Breitenbachplatz fünf Mal erfolgreich, jeder wäre von einem Erreichen der nächsten Runde ausgegangen. Doch in einem mitreißenden Pokalkampf siegte der Außenseiter aus Steglitz mit 6:5 nach Verlängerung. Die Zehlendorfer unterlagen in einer Partie, die von der Dramatik her eines WM-Finales würdig gewesen wäre, auch wenn sie am Ende – wenig verwunderlich – tief enttäuscht den Platz verließen.

Zunächst deutete an diesem leicht verregneten Abend nichts daraufhin, was den knapp 200 Zuschauern und den Protagonisten auf dem Platz und am Rande bevorstand. Nach ausgeglichenem Spiel ging der Favorit in der 43. Minute durch einen Kopfball ihres Torjägers Sebastian Huke in Führung. Der Jubel war kaum verebbt, da fiel schon der Ausgleich durch Neim Planja (45.).

In der Pause war natürlich ein Gesprächsthema, dass eine Führung so schnell ausgeglichen wurde – aber da hatte man die restliche Spielzeit noch nicht erlebt. Die Zehlendorfer hatten den Nackenschlag des Ausgleichs gut weggesteckt und gingen unmittelbar nach dem Wechsel wieder in Front: 2:1, erneut durch Huke (49.). Duplizität der Ereignisse: Dennis Freyer glich für die Gastgeber prompt zum 2:2 aus (50.). Als Christian Höhne dann für Stern 1900 das 3:2 erzielte, schien die Partie eine Wendung zugunsten der Heimmannschaft genommen zu haben (67.). Doch nun zeigte die „kleine Hertha“, dass auch sie über Nehmer-Qualitäten verfügt. Keine 180 Sekunden später konnte Huke mit seinem dritten Treffer auf 3:3 stellen (70.). Spätestens nun merkten die Zuschauer, dass es ein besonderer Pokalabend werden würde.

Als sich alle auf die Verlängerung eingestellt hatten, fand die Dramatik eine weitere Steigerung: Luca Rohr schoss in der buchstäblich letzten Minute sein Team zum 4:3 (90.) – und damit zum Sieg, so meinte man zumindest. Doch an diesem Abend war nichts normal. Eine (vermeintlich) letzte Szene sollte es noch geben: Darius Niroumand zirkelte einen Freistoß genau auf den Kopf des sich streckenden Mike Ryberg: 4:4 – es lief die dritte Minute der Nachspielzeit, unmittelbar danach erfolgte der Abpfiff – Verlängerung.

Die ersten 15 Minuten waren bemerkenswert: Zählbares musste nicht notiert werden. Erst in der zweiten Hälfte der Verlängerung ging es munter weiter. Timur Gayret bringt Zehlendorf zum dritten Mal in diesem Spiel in Führung 5:4 (110.). Mitten in der Jubeltraube Zehlendorfs Trainer Alexander Arsovic, der jedoch nicht mitfeierte, sondern sein Team ermahnte, nun wachsamer zu sein – angesichts von nur noch zehn Minuten Spielzeit und erlahmender Kräfte auf beiden Seiten. Vergebens! Keine zwei Minuten später stand es wieder Remis, der fünfte Ausgleich, erzielt durch Freyer (112.). Die Höhen und Tiefen waren kaum auszuhalten, weder für Zuschauer noch für Trainer oder Betreuer. Die Entscheidung, so war man sich fast einig, würde im Elfmeterschießen fallen. Doch hatten alle die Rechnung ohne Freyer gemacht. Sein 6:5 (117.) bedeutete kurz vor dem Ende den Endstand, ein letztes Aufbäumen der Zehlendorfer blieb erfolglos.

Diese Partie war Werbung für den Fußball, den Pokalwettbewerb insbesondere und für beide Vereine. Wer glaubt, unterhalb von Champions-League oder Bundesliga gäbe es nichts mehr, der hätte am gestrigen Abend Augenzeuge sein müssen. Auch wenn die Zehlendorfer verständlicherweise tief enttäuscht den Platz verließen, so müssen sie, nach einem Tage der Niedergeschlagenheit, den Kopf wieder hoch nehmen. Sie boten zusammen mit den Gastgebern ein Fußballspektakel der besonderen Art – auch wenn die Trainer Arsovic liebend gern darauf verzichtet hätte. Solche Tage gibt es nur ganz selten, in denen Spiele eine Eigendynamik entwickeln, die niemand von außen stoppen kann. Am Sonntag (14:00 Uhr, Ernst-Reuter-Stadion) wenn es gegen Hansa Rostock II geht, kann es wieder ganz anders laufen. In den letzten neun (erfolgreichen) Partien kassierten die Zehlendorfer nur sechs Gegentore – so viel wie am gestrigen Abend. Das beweist, dass „Verteidigung“ bei ihnen kein Fremdwort ist.
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