Buch zur Jubiläumsausstellung
Was es bedeutet, wenn die Mitte fehlt?

Beginn der Gartenstadt Frohnau. Blick auf den Zeltinger Platz, 1910.
8Bilder
  • Beginn der Gartenstadt Frohnau. Blick auf den Zeltinger Platz, 1910.
  • Foto: Museum Reinickendorf
  • hochgeladen von Thomas Frey

Noch bis zum 18. Oktober ist im Bezirksmuseum, Alt-Hermsdorf 35, die Ausstellung „Mitten in Reinickendorf“, anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Groß-Berlin“, zu sehen.

Ergänzend dazu gibt es jetzt ein Buch. Es enthält neben Texten und Fotos aus der Schau Aufsätze unterschiedlicher Autoren oder Interviews mit Bewohnerinnen und Bewohnern. „Mitten in Reinickendorf“ heißt auch dieses knapp 250 Seiten starke Werk. Und es arbeitet akribisch heraus, was damit gemeint ist. Der Bezirk hat bis heute keine wirkliche „Mitte“. Selbst sein Rathaus liege immer noch „ab vom Schuss“, wie Kunstamtsleiterin Cornelia Gerner konstatiert. Demgegenüber stehen viele, ganz unterschiedliche „Mitten“. Etwa von der Residenzstraße über Alt-Tegel bis zur Heinsestraße. Jedes steht allerdings zunächst für seinen Kiez. Da gibt es oft ein mit dem einkaufen verbundenes Zentrum, dann existieren Grünanlagen, Kultureinrichtungen und Begegnungsstätten. Dabei gibt es gelungene und weniger gelungene Beispiele.

Frohnau ist ein "Musterbeispiel
gelungenen Städtebaus"

Die schaute sich beispielsweise Sozialwissenschaftler und Stadtplaner Prof. Harald Bodenschatz an. Das Märkische Zentrum etwa kann ihn trotz aller Verschönerungsversuche nicht wirklich aus der Reserve locken. Den Ludolfinger- und Zeltingerplatz in Frohnau wertet er dagegen als „Musterbeispiel gelungenen Städtebaus“.

Beide Exempel stehen für unterschiedliche Epochen. Das Märkische Zentrum, wie etwa der Kurt-Schumacher-Platz für die sogenannte Nachkriegsmoderne, die Anlagen in der Gartenstadt Frohnau dagegen datieren aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts.

Reinickendorf ist der Bezirk
mit den größten Unterschieden

Hier schließt sich wiederum der Kreis zum Anlass des Buchs und der Ausstellung – dem 100. Geburtstag Groß-Berlins in diesem Jahr. Der damalige Meilenstein bietet eine wichtige Erklärung für die bis heute bestehenden vielen „Mitten“ im Fuchsbezirk.

Was 1920 als 20. Verwaltungsbezirk der entstehenden Metropole zusammen gefasst wurde, war ein, nicht zuletzt von seiner Bevölkerungsstruktur, ziemlich heterogenes Gebilde. Woran sich bis heute wenig verändert hat. Reinickendorf sei wohl noch immer der „disparateste Bezirk“ in Berlin, heißt es an einer Stelle. Den Namen bekam dieses Konstrukt vor allem deshalb, weil der gleichnamige Ortsteil in diesem Zusammenschluss mehrerer Kommunen die meisten Einwohner hatte.

Borsig überstrahlt Industrie im Fuchsbezirk

Reinickendorf war damals Wohngegend für viele Arbeiter, die aus dem eng gewordenen Alt-Berlin verdrängt wurden. Zudem gab es hier Beschäftigung in vielen Industriebetrieben, die sich ebenfalls wegen noch vorhandener Freiflächen, abseits der Stadtgrenze angesiedelt hatten. Begünstigt wurde dies durch die bereits seit 1877 und 1891 bestehenden Bahnverbindungen, die heutigen S-Bahnstrecken. Ähnliches, aber weniger ausgeprägt, galt für Wittenau. Oder für Tegel, wo seit Ende des 19. Jahrhunderts der bekannteste Name Reinickendorfer Unternehmensgeschichte ansässig war – die Firma Borsig. Wegen seiner Wasserlage war Tegel gleichzeitig als Naherholungsgebiet beliebt. An manchen Stellen ebenso als Wohnort für die Mittel-, manchmal Oberschicht.

Deutlich präsenter war die Oberschicht dagegen in Heiligensee, Konradshöhe, Hermsdorf. Oder eben in Frohnau, das in den 1920er Jahren, begünstigt durch seinen Poloplatz eine Zeitlang zu einem Treffpunkt der Haute-Volée wurde. Waidmannslust hatte wiederum schon zuvor einige Zeit von einer Karriere als Kurort geträumt. Aber dann gingen die Quellen des erhofften heilenden Wassers ziemlich schnell zur Neige. Dazu Lübars, dessen dörflicher Charakter auch 100 Jahre später noch nachzuvollziehen ist.

Frohnau wollte nicht zu Groß-Berlin gehören

Als die Eingemeindung nach Berlin anstand, reagierten die Gebiete deshalb auch ganz unterschiedlich. In Reinickendorf, Tegel, wohl auch in Wittenau, wurde sie begrüßt. Weiter nördlich dagegen eher abwartend bewertet oder gar abgelehnt. Frohnau, zunächst als neuer Teil der Stadt gar nicht vorgesehen, wegen erwartet hoher Steuereinnahmen dann doch mit einverleibt, leistete nach 1920 neben anderen Widerstandsgebieten wie Spandau noch eine längere Gegenwehr in der sogenannten „Los von Berlin“-Bewegung. Wahrscheinlich machten auch dort die letzten erst nach 1945 ihren Frieden damit, als der gesamte Bezirk Reinickendorf französische Zone und damit Teil West-Berlins wurde.

Es ist interessant, wie sich einst vorhandene Strukturen auch über eine sehr lange Zeit nicht wirklich aufbrechen lassen. Aber was folgt darauf? Dass Reinickendorf mit seinen vielen Mitten darin Berlin eigentlich ganz ähnlich sei, ist eine Einschätzung der Buchautoren. Die Stadt habe ja auch keinen unbestrittenen Punkt, auf den alles zulaufe. Vielmehr, nicht zuletzt historisch bedingt, unterschiedliche, manchmal wechselnde, Zentren. Vom Alexanderplatz über die Friedrichstraße, den Potsdamer Platz bis zum Kurfürstendamm. Dazu einige über den Bezirk hinaus strahlende Anknüpfungspunke wie die Steglitzer Schlossstraße. Deshalb sei dieser Bezug eigentlich kein Nachteil. Entscheidend sei vielmehr die Qualität der Zentren. Da gebe es gerade in Reinickendorf noch Verbesserungsbedarf.

In der Corona-Pandemie
waren viele Zentren hilfreich

Den Vorteil solcher lokale Mitten machte Kulturstadträtin Katrin Schultze-Berndt (CDU) gerade in den vergangenen Corona-Monaten aus. Durch die Pandemie habe plötzlich alles still gestanden, die unmittelbare Nähe sei deshalb ins Zentrum der Wahrnehmung gerückt. „Dorthin ging man zu Fuß, um die Einkäufe zu erledigen. Die nahe gelegene Grünanlage erlaubte einen kurzen Spaziergang.“ Die Mitte war nicht allzu weit.

Das Buch „Mitten in Reinickendorf“ ist im Bezirksmuseum, Alt-Hermsdorf 35 sowie im Buchhandel erhältlich. Preis: zwölf Euro. Die Ausstellung ist montags bis freitags und sonntags jeweils von 9 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen.

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

24 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

Beitragsempfehlungen

WirtschaftAnzeige
Inhaberin Heike Kohlos freut sich auf Sie.
3 Bilder

Friseursalon HairRein
Aus dem Urlaub – in den Urlaub!

Bei unserer ruhigen Atmosphäre, mit Massagen und tollen Gesprächen zaubern wir Sie in die Urlaubswelt des Friseurs zurück. Mit ätherischen Ölen und wohlduftenden Pflegeprodukten kümmern wir uns nicht nur um Ihre Seele, sondern auch mit Liebe zu unserer Arbeit um Ihre Haare. Ob neuer Look oder einfach nur neuer strahlender Glanz für Ihre Haar – Ihr Wunsch steht an erster Stelle. Lassen Sie sich verwöhnen Wir haben in unserem Team Spezialisten für fast alle Frisuren und Farbtrends, fragt...

  • Bezirk Reinickendorf
  • 15.09.20
  • 162× gelesen
WirtschaftAnzeige
3 Bilder

Kartenlesegerät Anbieter für Berlin: Die Bezahlexperten
Kartenzahlung in Berlin: Günstig per Kartenterminal kassieren

Der Trend zur Kartenzahlung hat in Corona-Zeiten spürbar zugenommen. Bezahlen mit Bargeld oder EC- bzw. Kreditkarte – Kunden verlangen, die freie Auswahl zu haben. Der Payment-Anbieter Bezahlexperten bietet dafür günstige Lösungen. Egal, ob Taxi, Friseur, Arzt oder Marktstand – auch in Berlin wird die Kartenzahlung immer häufiger nachgefragt. Bei vielen Unternehmern, die sich bisher gegen die Einführung eines Kartenterminals gewehrt haben, lockert sich der Widerstand. Die typischen Fragen...

  • Mitte
  • 16.09.20
  • 180× gelesen
WirtschaftAnzeige
PayPal bietet Ladenbesitzern in Berlin mit dem QR-Code eine neue Bezahlmethode vor Ort – kontaktlos, schnell und sicher.
2 Bilder

Scan. Pay. Go.
Bezahlen mit PayPal – jetzt auch im Laden

PayPal bietet Ladenbesitzern in Berlin mit dem QR-Code eine neue Bezahlmethode vor Ort – kontaktlos, schnell und sicher. Morgens Schrippen beim Bäcker für 1,75 Euro, nachmittags ein Cappuccino und ein Stück Kuchen im Lieblingscafé in der Nachbarschaft für 6,40 Euro, abends zwei Bier am Späti für 3 Euro – Berlin war Bargeld-Stadt. Und dann kam Corona. In vielen kleinen Läden kann man (noch) nicht bargeldlos zahlen Das stellt Ladenbesitzer vor Probleme. Denn viele Kunden vermeiden...

  • Charlottenburg
  • 10.09.20
  • 311× gelesen
WirtschaftAnzeige
8 Bilder

Naturheilpraxis Spandau
Mit gesunden Gefäßen jung bleiben

Der Zustand unserer Blutgefäße bestimmt, ob wir krank oder gesund sind. Können Sie sich vorstellen, dass eine gute Durchblutung für Ihre Gesundheit wichtig ist? Durch eine gute Durchblutung werden Zellen und somit Ihre Organe mit Sauerstoff, Nährstoffen und Vitalstoffen gut versorgt. Ein Meilenstein in der Medizingeschichte ist die Entwicklung der Physikalischen Gefäßtherapie BEMER. Gib der Zelle was sie braucht, damit sie macht, was sie kann! Durch das, was der heutige Alltag für die...

  • Bezirk Spandau
  • 08.09.20
  • 269× gelesen
WirtschaftAnzeige
Das Team erwartet Sie im Tegeler Büro
2 Bilder

ERA Immobilien Jacqueline Piepenhagen
Privatverkauf – Chance oder Risiko?

Die eigene Immobilie zu verkaufen ist leicht? Dieser Irrglaube kann teuer werden, kommt es später zu Haftungsansprüchen. Zwar ist der Verkäufer einer Immobilie mit Abschluss des notariellen Kaufvertrags aus dem Schneider und muss nicht mehr für Mängel aufkommen. Jedoch hat die Rechtsprechung die Offenlegungspflichten des Verkäufers in den letzten Jahren stetig ausgeweitet. Selbst mit einem Gewährleistungsausschluss im Kaufvertrag kann sich der Verkäufer noch nicht beruhigt zurücklehnen....

  • Bezirk Reinickendorf
  • 08.09.20
  • 165× gelesen
WirtschaftAnzeige
4 Bilder

Parfümerie Gabriel
Familientradition seit über 30 Jahren

Bei uns in der Parfümerie Gabriel werden Sie mit attraktiven Angeboten erwartet. Da gute Beratung bei uns stets an erster Stelle steht, können Sie sich auf ein besonderes Shoppingvergnügen freuen. Als Dank für Ihre Treue in dieser außergewöhnlichen Zeit gewähren wir Ihnen vom 28. August. bis 8. September 2020 noch einmal 20 % Rabatt* beim Kauf Ihrer Lieblingsprodukte! Wir freuen uns, Sie bei uns begrüßen zu dürfen. Ihr Team der Parfümerie Gabriel – achtmal in Berlin und Brandenburg:...

  • Schmargendorf
  • 25.08.20
  • 252× gelesen
WirtschaftAnzeige
Ihr Partner rund um gutes Sehen in der Märkischen Zeile.
4 Bilder

Optik an der Zeile
UV-Schutz – auch für Kinderaugen wichtig

Mit einer Sonnenbrille sieht man natürlich viel lässiger aus. Aber braucht man sie wirklich? „Natürlich“, heißt es bei Optik an der Zeile. So manchen Sonnenbrand hat wohl jeder schon kassiert. Genauso gefährlich ist ultraviolettes Licht, auch für die Augen. Wir sprachen mit Andreas Kleinkamp von Optik an der Zeile. Warum müssen wir auch unsere Augen vor der Sonne schützen? Andreas Kleinkamp: Trifft starkes Sonnenlicht ungeschützt auf die Augen, beeinträchtigt es die Sehkraft. Ein...

  • Märkisches Viertel
  • 25.08.20
  • 178× gelesen
WirtschaftAnzeige
Inhaberinnen Irene Wattler und Alexandra Pusch.
3 Bilder

GANZ OHR OHG
Hörsysteme, Hörgeräte, Gehörschutz

6 Filialen in Berlin für – für Sie ganz Ohr! In sechs Filialen beraten wir Sie individuell und betreuen Sie umfassend. Als wichtiger Bestandteil des Gesundheitssektors sind wir als Hörakustiker auch in diesen schwierigen Zeiten für Sie da. Unsere Leistungen orientieren sich am Stand wissenschaftlicher Erkenntnis und technischer Innovation. Sonderaktion Testhörer Kommen Sie zu GANZ OHR und testen Sie – ganz unverbindlich und kostenfrei – ein innovatives und komfortables Hörsystem. Lernen...

  • Märkisches Viertel
  • 25.08.20
  • 175× gelesen

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen