Ein perfekter dritter Ort
Die Stadtbibliothek ist so viel mehr als bloße Ausleihstation

Seit drei Jahren leitet Andres Imhof mit Leib und Seele die Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf.
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  • Seit drei Jahren leitet Andres Imhof mit Leib und Seele die Stadtbibliothek Charlottenburg-Wilmersdorf.
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Das Wetter ist ungemütlich, warum eigentlich nicht mal wieder eine Bibliothek aufsuchen? Sieben gibt es im Bezirk und ihre Programme haben längst viel mehr zu bieten, als die Ausleihe von Büchern und DVDs.

14 Uhr, Schule aus. Die Heinrich-Schulz-Bibliothek im Rathaus wird von einer Handvoll Halbstarker gestürmt. Sie laufen um die Wette zur Information, jeder von ihnen möchte einen der beiden Controller als Erster in der Hand haben. Das Rennen ist entschieden, die Meute läuft weiter in den hinteren Teil der Bibliothek. Dort steht – etwas abgeschottet – die Spielkonsole und sofort wird losgedaddelt. Das alles geschieht nicht lautlos und es kann durchaus sein, dass nun einer der älteren Besucher das klassische „Pssst!“ hören lässt. Die folgende Beschwerde wird von einer Mitarbeiterin höflich, aber bestimmt zurückgewiesen. Denn auch wenn die städtischen Bibliotheken noch gegen ihr verstaubtes Image ankämpfen müssen, sind sie keine Orte mehr, an denen Ruhe herrschen muss. Im Gegenteil: Das Angebot soll möglichst viele Interessen und Bedürfnisse stillen, die kleine Zocker-Höhle für die Jungs zählt zur digitalen Teilhabe von Gesellschaftsschichten, die sich keine eigene Konsole leisten können. „Ein Holo-Deck haben wir noch nicht“, scherzt Andres Imhof, „aber in der Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek gibt es eine VR-Brille für den Besuch virtueller Welten".

"Wir sind sehr viel"

In ganz Berlin unterstützen die Leiter der Stadtbibliotheken unter dem Mantel des Verbundes der Öffentlichen Bibliotheken Berlins (VÖBB) den Wandel ihrer Einrichtungen, im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf zeichnet Andres Imhof verantwortlich – seit drei Jahren hat er den Hut auf. Und er sagt, um was es geht: „Wir sind sehr viel: Lern- und Arbeitsort, Ort der Begegnung, der Inspiration, Orientierung und des Austausches. Die Medienbestände auf dem neuesten Stand zu halten, ist immer noch das Wichtigste, aber es geht nicht mehr um die Ausleihe allein.“ Vielfältig soll das Angebot sein und die Aufenthaltsqualität hoch, deshalb hätten zum Beispiel gemütliche Sitzecken und Sessel die „Elefantenfuß“-Hocker abgelöst. "Nutzerorientierte Verbrauchsbibliothek" heißt die Bücherei von heute im Sprachgebrauch des VÖBB, Imhof nennt sie in Anlehnung an den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg lieber einen perfekten dritten Ort. Laut Oldenburgs Prägung nach dem Zuhause und der Arbeit ein Ort, an dem man sich wohlfühlt, an dem man bleiben kann, Menschen treffen, Gespräche führen oder auch für sich bleiben kann.

Jeder ist willkommen

Jeder ist also willkommen in den Bibliotheken, ob er einen Ausweis für zehn Euro pro Jahr erstanden hat oder nicht. Er hat freien Zugang zum WLAN, kann einen der Internetplätze nutzen und surfen. Freelancer können sich mit ihrem Laptop an einen der Arbeitsplätze setzen und arbeiten. „Co-Working ist ein großes Thema“, sagt Imhof. Im Besitz eines Ausweises, lassen sich umfangreiche Datenbanken wie Statista online anzapfen oder vor dem heimischen Monitor Kindersprachkurse besuchen. In der kürzlich neu eröffneten Adolf-Reichwein-Bibliothek im Rathaus Schmargendorf gibt es zum Beleg einen kleinen Besprechungsraum, der sich kostenfrei für Meetings oder Vorträge anmieten lässt. Dort hat Imhof auch die Trennung von Kinder- und Jugendbereich veranlasst, Teenager sollen an Tischen ihre Schulreferate vorbereiten können. Die Heinrich-Schulz-Bibliothek, in der sich die gesamten Bestände der aufgelösten Musik-Bibliothek in der Bundesallee befinden, steht unter anderem im Zeichen von Klangkompositionen. Es kann nicht nur in der Historie der großen Meister gestöbert, sondern auch selber Hand angelegt werden. Ein elektronisches Klavier steht in einer Ecke und wer hier spielt, hört sich über einen Kopfhörer. Die neueste Errungenschaft dieser Abteilung ist sensationell: Ein mobiler „Musik-Makerspace“ erlaubt es Hobby-Klangtüftlern, eigene Elektrobeats zu komponieren. Das Equipment ist topmodern, das Konzept lautet „Learning by doing“. “Hier kann jeder ran. Ist auch schon von erfahrenen Sound-Bastlern entdeckt worden. Und wir hoffen, in Zusammenarbeit mit ihnen demnächst Workshops anbieten zu können.“

Im Gegensatz zu Staatsbibliotheken haben die Stadtbüchereien keinen Archivauftrag. Sie können also nicht genutzte Medien aussortieren und ihre Bestände mit neuen auffüllen.

Ausleihzahlen könnten besser sein

Mit der Entwicklung seiner Häuser ist Imhof zufrieden. Allerdings wünscht er sich bessere Ausleihzahlen. „Wir hatten in den vergangenen Jahren enorme Rückgänge zu verzeichnen. Das ist berlinweit so, aber bei uns besonders stark." Eine Crux, denn die Bibliotheken in Berlin befinden sich in einer Spirale, die entweder nach oben oder nach unten führt: „Wer mehr ausleiht, wird finanziell besser ausgestattet. Er kann also mehr angesagte Medien anbieten, ist damit attraktiver und wird besser besucht.“ Mit 2,7 Millionen Euro Etat im Jahr sei die Charlottenburg-Wilmersdorfer Stadtbibliothek die „billigste“ in Berlin. 2017 standen Imhof 81 Cent für Medien pro Einwohner zur Verfügung, als Standard gelten 1,50 Euro.

"Hauptsache groß"

Imhof wähnt sich auf einem guten Weg. Aber Träume hat er dennoch. Er wünscht sich eine große Bibliothek mit 6000 Quadratmetern Fläche für 100 000 Bürger, zentral gelegen. „Oder zweimal 3000 Quadratmeter für je 50 000, egal. Hauptsache groß.“ Bestrebungen gibt es, spruchreif ist allerdings noch nichts. Immerhin, die Dietrich-Bonhoeffer-Bibliothek in der Brandenburgischen Straße könnte demnächst an die Idealvorstellung heranreichen. Dort denkt man darüber nach, einen ungenutzten Parkplatz vor dem Hinterhaus zu überbauen und die Bibliothek so um 1000 auf 3000 Quadratmeter zu erweitern. „Ich denke in zehn Jahren sind wir da, wo wir hinwollen“, sagt der Leiter. Er könnte sich auch gut vorstellen, eines Tages die wissenschaftlichen Ressourcen der Bürger der Allgemeinheit zugänglich zu machen, das Stichwort lautet Citizen Science. Bis es so weit ist, freut sich Imhof an Bildern wie das einer jungen Mutter, die mit Kinderwagen und Kind unterm Arm am Bücherregal vorbeigeht und ein Werk nach dem anderen für ihren Nachwuchs in den Wagen wirft. „Herrlich“, findet er.

Weitere Informationen zum Angebot der Stadtbibliotheken finden sich im Netz unter www.berlin.de/ba-charlottenburg-wilmersdorf/verwaltung/bibliotheken/.

Autor:

Matthias Vogel aus Charlottenburg

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