Bauen oder Natur am Westkreuz?
Der Krimi um das Areal am Westkreuz

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Anfang 2016

beginnt der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf das Entwicklungspotential für Grünflächen am Westkreuz zu ermitteln. Auf dem von der Bahn-Landwirtschaft kleingärtnerisch genutzten Gelände sollen der Westkreuzpark und ein zweiter Zugang zum S-Bahnhof Westkreuz entstehen. Die Parkplaner Fugmann & Janotta werden vom Bezirk zu einer Machbarkeitsstudie mit Bürgerbeteiligung beauftragt. Die Änderungsverfahren für den Flächennutzungsplan und den Bebauungsplan werden eingeleitet. Gleichzeitig gibt es mit 18.000 Unterstützerinnen und Unterstützern ein Bürgerbegehren, um sämtliche Grünflächen im Bezirk zu erhalten, welches einstimmig von allen Fraktionen in der Bezirksverordnetenversammlung beschlossen wird.

Zur gleichen Zeit läuft 2016 der Schinkel-Wettbewerb des Architekten- und Ingenieur-Vereins zur Gestaltung des Westkreuz‘ an, wo Ideen gesucht werden, um die Flächen am Westkreuz als vielfältig nutzbare Stadträume wiederzugewinnen.

Parallel dazu wirbt Christian Gérôme, der Geschäftsführer der Allgemeinen Immobilienbörse, gemeinschaftlich mit den Freien Demokraten aus Bezirks- und Landespolitik, öffentlich mit Wohnbebauung auf der Brache zwischen Rönnestraße und Heilbronner Straße. Er legt Ende 2016 Entwürfe der Architekten Patzschke vor, wonach auf der Gleislinse etwa 1000 Wohnungen entstehen könnten, erreichbar über eine Auffahrt zwischen den Bahngleisbrücken in der Holtzendorffstraße.

Mit einem nicht-öffentlichen Bieterverfahren beginnt die DB Netz AG (hundertprozentiges Tochterunternehmen der Deutschen Bahn) das Areal zu vermarkten und damit die bundeseigene Fläche zu privatisieren. Ganz so, wie es mit vielen ehemaligen Güterbahnhöfen in den letzten Jahren geschehen ist. Um das kommunale Vorkaufsrecht zu umgehen, werden viele Bahnflächen erst nach erfolgtem Verkauf von Bahnbetriebszwecken freigestellt. Kommunale Interessen wie z.B. landeseigener Wohnungsbau, die Errichtung von Schulen und Kitas, die Schaffung von Grün- und Erholungsflächen sowie Infrastrukturerweiterungen für die wachsende Stadt Berlin, werden damit ausgehebelt.

Das Jahr 2017

ist geprägt von öffentlichen Diskussionen, welche zukünftige Nutzung des Westkreuzareals den größten Mehrwert bietet: Wohnungen, Parkanlage, Stadtwildnis oder Kleingärten?

Die Workshops, zu denen die vom Bezirksamt beauftragten Parkplaner die Nachbarschaft einladen, finden 2017 statt, und können trotz großem Engagement der Kleingärtner und Anwohner nicht verhindern, dass die Gärten am Westkreuz für einen Park weichen sollen.

FDP, Bahn, Investoren, Immobilienverbände, Baukammer, Architekten und Co. machen sich nicht ganz uneigennützig für die Bebauung des Areals stark und explizieren die Sinnlosigkeit einer Parkanlage.

Anwohner fürchten um die negativen Folgen durch massive Nachverdichtung.

Kleingärtner möchten natürlich am liebsten ihre Schollen weiter bewirtschaften, sind aber bereit, sich der Parkanlage zu öffnen und gründen den Arbeitskreis WestkreuzGarten. Naturschutzverbände plädieren für den Erhalt der Brache und verweisen auf die Artenvielfalt und die positiven Klimaeffekte für die Stadt.

Die Argumente der jeweiligen Positionen fließen in die Stellungnahmen ein, die im Rahmen der ersten Öffentlichkeitsbeteiligung zur Änderung des Flächennutzungsplans im Herbst 2017 eingereicht werden.

Im Jahr 2018

spitzt sich die Wohnungsnot in Berlin zu und die Berliner Kleingärtner haben Angst um ihre Parzellen, auf die von allen Seiten als gut erschlossenes Bauland geschielt wird. Kleingärtnerinnen und Kleingärtner bilden Bündnisse und öffnen sich der Gesellschaft mit zahlreichen Angeboten in ihren Kolonien. Öffentlichkeitsarbeit und Politik werden plötzlich zum Tagesgeschäft der Kleingärtner. Auf allen Kanälen läuft die Debatte Wohnungen vs. Schrebergärten und beide Seiten nennen gute und schlüssige Argumente, warum die Berliner Kleingärten bebaut oder erhalten werden sollen.

Mit den Änderungsverfahren unter Öffentlichkeitsbeteiligung zum Flächennutzungsplan und zum Bebauungsplan werden auch die Aktionen zur Zukunft des Westkreuzareals zahlreicher. Die Presse und die Berliner Abendschau verfolgen das Gerangel.

Felix Recke, Bezirksverordneter der FDP-Fraktion, fordert bei einem zweistündigem Protestcamp mit den Jungliberalen und der Springer-Presse im Schlepptau die Bebauung der Westkreuzbrache mit Studentenwohnungen und sammelt Unterschriften an einem eigens aufgebauten FDP-Stand am S-Bhf. Charlottenburg gegen die geplante Grünstellung im Flächennutzungsplan.

Der Arbeitskreis WestkreuzGarten lädt zum Tag der offenen WestkreuzGärten ein und initiiert das Projekt Urban Gardening am Westkreuz, wofür 100 große Pflanzkübel aufgestellt wurden und sammelt über eintausend Unterschriften, die eine Parkanlage unter vollständigem Erhalt der Kleingärten begrüßen.

Ende 2018 kommt überraschend die Meldung, dass Uwe Glien, alleiniger Geschäftsführer der Räusch Entwicklungsgesellschaft mbH, den 6 Hektar großen Streifen, der zwischen den Gleisen von der Holtzendorffstraße bis zum S-Bhf. Westkreuz verläuft, erworben hat. Was er damit vorhat, ist der Öffentlichkeit nicht bekannt. Nach Presseberichten soll die Kaufsumme von 6,5 Mio. EUR auf eine Bebauung schließen lassen. Oder doch nur Immobilienspekulation? Ob der Bezirk Vorkaufsrecht hat und es auch ausüben kann, werden die Gerichte wohl in ein paar Jahren entscheiden.

Nun das Jahr 2019

Laut Berliner Morgenpost soll von Uwe Glien ein Projektentwickler mit dem Entwurf von drei Hochhäusern beauftragt worden sein. Der Bezirk hält weiter an seinen Parkplänen fest und sieht nicht vor, Baugenehmigungen für das Areal zu erteilen. Was ist dran an den Plänen? Könnte sich der Investor auf den alten Flächennutzungsplan berufen, der das Gebiet um den S-Bhf. Westkreuz herum als M1-Mischgebiet ausweist und sich damit eine Baugenehmigung erzwingen? Damit hätte sich die Investition von rund 110 EUR pro Quadratmeter gelohnt, da Bauland im Bezirk momentan für 4000 EUR pro Quadratmeter gehandelt wird. Vielleicht bringt ein schwarz-gelber Regierungswechsel bei einer der nächsten Abgeordnetenhaus- und Bezirksverordnetenwahlen einen neuen Schwung in das Projekt? Wir wissen es nicht…

Stattdessen lassen die Parkgegner und Befürworter der Bebauung keine Gelegenheit aus, um den grünen Bezirksstadtrat Oliver Schruoffeneger und die Parkpläne öffentlich zu zerpflücken. Als Sprachrohr nutzen sie die CDU/FDP-freundlich gestimmte Axel-Springer-Presse mit der Bild, der B.Z., der Berliner Morgenpost und der Berliner Woche.

In der B.Z. wurde kürzlich mal so richtig Dampf darüber abgelassen, wie verrückt es sei, dass Rot-Rot-Grün aktiv den Bau von 1000 bezahlbaren Wohnungen am Westkreuz verhindere. Liebe B.Z., es gibt es eine Menge Informationen mehr, als von den Befürwortern der Bebauung (incl. FDP) an die Presse herangetragen werden. Die Situation am Westkreuz wird mit einer Vision von 1000 Wohnungen dargestellt, die städteplanerisch nicht vorgesehen ist. Wem ist mit der Stimmungsmache gegen Rot-Rot-Grün geholfen? Das vermeintlich freiwillige Angebot des ersten Interessenten Christian Gérôme, dort bezahlbare Wohnungen und ein Drittel Sozialwohnungen für Berliner Familien zu schaffen, sollte kritisch betrachtet werden. Warum? Es MUSS in Berlin, bei einem Wohnungsbau-Projekt dieser Größenordnung, nach dem Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung mindestens 30% Wohnraum entstehen, der über einen Wohnberechtigungsschein angemietet werden kann, sonst gibt es keine Baugenehmigung. Als Gegenzug gibt es dafür eine stattliche und staatliche Förderung, z.B. in Form zinsloser Darlehen. Leider läuft die Sozialbindung dann nach 20 Jahren ab und die Sozialwohnungen verschwinden wieder. Weiterhin wissen wir, dass im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf in den letzten Jahren sehr viele hochpreisige Eigentumswohnungen und nur eine Handvoll Mietwohnungen entstanden sind, die nicht zur Entlastung des angespannten Wohnungsmarktes beitragen.

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