Bundestagswahl: Canan Bayram und ihre Allein-gegen-alle-Kampagne

Canan Bayram möchte wie schon ihr Vorgänger Hans-Christian Ströbele den Wahlkreis als einzigen in Deutschland direkt für die Grünen gewinnen.
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Friedrichshain-Kreuzberg. Canan Bayram schlägt als Treffpunkt ein Café in der Otto-Suhr-Siedlung vor. Schon das ist eine Art Statement.

In der Gegend tobt derzeit ein Häuserkampf. Die Deutsche Wohnen, Eigentümerin der meisten Gebäude, plant und realisiert bereits umfassende Modernisierungen. Besser ausgestattete Wohnungen lassen sich teurer vermieten. Für viele der bisherigen Mieter wäre das nicht erschwinglich. Was der Eigentümer auch kaum verklausuliert. Geworben wird um neue, solventere Bewohner. Der Bezirk versucht solchen Tendenzen mit den Mitteln des Milieuschutzes entgegen zu treten. Einschließlich dem dann möglichen Vorkaufsrecht.

Canan Bayram findet es gut, dass solche Instrumente nicht nur vorgezeigt, sondern angewendet werden. Gerade ihr Parteifreund, der Friedrichshain-Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt, mache sich dabei verdient, vergisst die Grüne Bundestagskandidatin für den Bezirk sowie Prenzlauer Berg Ost nicht zu erwähnen. Aber das reiche nicht.

Womit wir dann beim Thema Enteignungen wären. Eine weitere und besonders scharfe Waffe auf dem Immobilienfeld, die Canan Bayram ins Spiel gebracht hat, weshalb sie in den vergangenen Wahlkampfwochen auch aus der eigenen Partei angeschossen wurde. Sie selbst kann an diesem Vorschlag dagegen wenig Verwerfliches erkennen und schon gar nicht einen Sozialismus à la DDR.

Wild gewordene Spekulation verhindern

Es gehe ihr vor allem um eine Möglichkeit, wild gewordene Spekulation zu verhindern. Etwa in einem Quartier wie der Otto-Suhr-Siedlung. Der Staat solle dort Rahmen vorgeben, damit wüssten auch die Investoren, worauf sie sich einlassen. Ist das für sie nicht mehr lukrativ, könnten sie verkaufen. Ansonsten müssten sie sich auf die Regeln einlassen. Das alles sei kein rechtliches Neuland, sondern werde an anderer Stelle bereits praktiziert. "Flächen für eine Autobahn werden auch gekauft, und in letzter Konsequenz können die Besitzer enteignet werden."

Diese Debatte und ihre Argumente dazu sind ein gutes Beispiel dafür, wie Canan Bayram politisch tickt. Oder vielleicht besser, rechtlich. Denn das Nutzbarmachen von Paragrafen für wichtig erachtete Probleme ist das Fundament beim Agieren der Anwältin – nicht nur darin ganz ähnlich ihrem Vorgänger und Berufskollegen Hans-Christian Ströbele. "Mit dem Recht gegen das Recht" ist die Formel, die der Ströbele-Biograf Stefan Reinecke für dieses Vorgehen gefunden hat. Sie gilt auch für Canan Bayram. Es sei ihre "juristische Sicht", sagt sie auf die Frage, wie sie die Unterschiede zu ihren Mitbewerbern im Wahlkreis, vor allem denen von SPD und Linken, beschreiben würde.

Gleichzeitig bildet dieser Hintergrund die Bühne für einen Wahlkampf "Allein gegen alle", den auch Bayram, unterstützt von den Friedrichshain-Kreuzberger Grünen, praktiziert. Auch da ist Ströbele natürlich die Blaupause. Lonely Man, beziehungsweise jetzt Lonely Woman kämpft, für die Interessen des Bezirks und seiner Bewohner. Gerade für die, die wirklich oder gefühlt wenig Lobby haben – von bedrohten Mietern bis zu Geflüchteten. Da wird Widerständen getrotzt und dabei die eine oder andere Schneise durch das Establishment geschlagen. Canan Bayram erfüllte dieses Profil, deshalb wurde sie die Kandidatin.

Nimbus der Einzelkämpferin

Es ist noch gar nicht ausgemacht, ob die Attacken, die aktuell gerade viele Grüne außerhalb des Bezirks gegen die 51-Jährige reiten, ihr am Ende schaden oder sogar nutzen, denn sie unterfüttern eher den Nimbus der Einzelkämpferin.

Im Bundestag sieht Canan Bayram mit ihrer Haltung kein Problem. Gute Vorschläge von ihr würden dort sicher bei anderen Widerhall finden, meint sie. Den Hinweis, dass das bereits durch die Konstellation von Regierung und Opposition schwierig sei, lässt sie ebenfalls nicht gelten und verweist auf ihre Erfahrungen im Berliner Abgeordnetenhaus. Und schließlich gebe es ja immer noch das Recht und seine Auslegung.

Allein auf die ziemlich linksaußen positionierte Person, die nur schwer einzunorden sei, lässt sich Canan Bayram nicht reduzieren. Auch wenn sie mit manchen Attacken und Aktionen selbst an diesem Bild baut. Gerade im persönlichen Gespräch zeigt sie weitaus mehr Facetten. Sie kann sich auf ihren Gegenüber einstellen. Auch das analog zur Anwältin, die einen Klienten taxiert. Zwischentöne werden gesetzt, manches auch witzig formuliert. Ohne dass sich an ihrer Einstellung etwas ändert. Wobei es den Eindruck hat, als möchte sich Canan Bayram auf ihre Funktion beschränken und Persönliches nur dann preisgeben, wenn es dazu oder zu ihrem Werdegang passt. Länger als alle anderen Mitbewerber lässt sie sich für die acht Fragen Zeit, bei denen es häufig um eigene Einschätzungen und Vorlieben geht. Bei der bevorzugten Literatur bittet sie um Bedenkzeit. Sie werde den Titel nachreichen. Die Antwort kommt schnell per SMS. Ein Kinderbuch mit dem Titel: "Papa, was ist ein Fremder?"

Acht Fragen an Canan Bayram

Das erste Mal haben Sie wann gewählt und wen?

Bayram: 2000 bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Wen sage ich nicht.

Sie stecken mit Angela Merkel im Lift fest. Was würden Sie mit ihr besprechen?

Bayram: Ich würde ihr meine Anerkennung für ihre Entscheidung vom Herbst 2015 aussprechen. Also das Öffnen der Grenzen für Flüchtlinge.

Sie teilen sich ein Taxi mit Martin Schulz. Um welche Themen geht es während der Fahrt?

Bayram: Dass er sich über die Umfragewerte nicht wundern sollte, weil er und die SPD keine linke Politik machen.

Aktuelles Lieblingsbuch?

Bayram: "Papa, was ist ein Fremder" von Tahar Ben Jelloun

Lieblingsmusik?

Bayram: Punk, The Ramones

Favorisierte Website oder Blog?

Bayram: Juris Blog. Dort finden sich die neuesten Gerichtsentscheidungen

Lieblingsplatz in Friedrichshain-Kreuzberg?

Viele. Nicht nur aber vor allem im Samariterkiez. Vom Drachenspielplatz bis zu den Lokalen Kasiske oder Anastasia. Auch der Kotti ist spannend.

Ihre Stärken und Ihre Schwächen?

Bayram: Stärke: Die Fähigkeit zum Dialog, auch wenn es schwierig wird. Schwäche: Ungeduld. Wenn ich eine Idee habe, will ich sie schnell umsetzen.  tf

Geboren 1966 in Malataya/Türkei. Aufgewachsen am Niederrhein. Kaufmännische Ausbildung Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, danach Jura- und Politikstudium. Rechtsanwältin. 1999 Eintritt in die SPD, zog für die Partei 2006 als Direktkandidatin im Walkreis Samariterkiez ins Abgeordnetenhaus. 2009 Austritt aus der SPD und Mitglied von Bündnis90/Grüne. Als Grüne 2011 und 2016 im Wahlkreis wiedergewählt. Lebt in Friedrichshain.
Canan Bayram möchte wie schon ihr Vorgänger Hans-Christian Ströbele den Wahlkreis als einzigen in Deutschland direkt für die Grünen gewinnen.
Auch für Canan Bayram gibt es Cartoon-Plakat. Es stammt von der Künstlerin Steff Stefanidad (links). Gerhard Seyfried, der in der Vergangenheit solche Poster für Ströbele gezeichnet hatte, malte seinen aktuellen Wahlkampfbeitrag für die Linkspartei. Foto: Frey
Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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