Gentrifizierung auf Holländisch: Eine Studentin erforscht den Bezirk

Miou Tautz recherchierte über Gentrifierung und Kriminalität in Friedrichshain-Kreuzberg.
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Kreuzberg. Ihr Name sei Milou Tautz, sie komme aus den Niederlanden und bitte wegen eines Universitätsprojekts um ein Interview. So stand es in einer Mail, mit der die junge Frau Kontakt aufgenommen hatte.

Schon bei ersten Nachfragen war noch mehr zu erfahren. Milou ist 19 Jahre alt und studiert Medienwissenschaften an der Universität in Zwolle. Mit mehr als 30 Kommilitonen war sie Ende April auf einer Exkursion in Berlin. Jeder Teilnehmer musste sich mit einem bestimmten Gebiet in der deutschen Hauptstadt beschäftigten und die Erfahrungen verarbeiten. Milou entschied sich für Friedrichshain-Kreuzberg und hier speziell für den Wrangelkiez.

Kontakt zur Berliner Woche gesucht

Im Internet habe sie einiges über die Gentrifizierung in dieser Gegend gelesen, erzählt die Holländerin. So landete sie auch auf der Website der Berliner Woche. Und neben Mietsteigerung und Verdrängung fiel ihr auf, dass die zunehmende Kriminalität anscheinend ein weiteres Problem im Bezirk sei.

Milou erzählt das bei unserem Treffen in der Markthalle Neun. Denn das Interview wurde nicht nur einseitig geführt. Wenn sich sogar Studierende aus den Niederlanden für Veränderungen in Friedrichshain-Kreuzberg interessieren, macht das natürlich neugierig.

Die 19-Jährige hatte sich gut vorbereitet und schon zuvor kundig gemacht. Sie war bei einem Sozialträger, besuchte Geschäftsleute in der Wrangelstraße und fragte Passanten. Gewerbetreibende befürchten ebenso wie manche Bewohner, dass sie hier nicht mehr bleiben könnten, hat sie erfahren und will wissen, ob das auch der Politik bewusst sei und was sie dagegen unternehme.

Neuzugänge sind nicht schlecht

Zur Antwort erhält sie einen Kurzvortrag, der bei den Auseinandersetzungen um den Gemüseladen Bizim Bakkal beginnt und sich über Schlagworte wie "Milieuschutzsatzung", "Umwandlungsverordnung" oder "Vorkaufsrecht" weiter bewegt. Dass einem Ladenpächter noch schneller gekündigt werden kann als einem Mieter und die gewerbliche Monostruktur – also viele Lokale in manchen Vierteln – auch das Ergebnis ständig steigender Touristenzahlen sind, fehlt ebenso wenig, wie der Hinweis, Neuzugänge in einem Quartier seien nicht grundsätzlich schlecht. Problematisch werde es, wenn dann viele Alteingesessene kaum noch Chancen auf einen Verbleib haben.

Von der Rolle des Beobachters in die des Auskunftgebers zu wechseln, ist zunächst etwas ungewohnt. Und das auch noch mit dem ständigen Blick in eine Minikamera, mit der Milou das Gespräch aufzeichnet. Denn sie will ihre Recherchen in einem Film verarbeiten.

Gleichzeitig fordern ihre Fragen zum Nachdenken heraus. Sie vermitteln den Blick, mit dem jemand, der nicht hier lebt, auf den Bezirk schaut. Wie lassen sich Außenstehenden manche Aufreger erklären? Nur Schwarz-Weiß-Antworten helfen nicht weiter.

Schwarz-Weiß-Denken hilft nicht

Deutlich wird das gerade beim Thema Kriminalität. Ob es stimme, dass am Kottbusser Tor eine starke Zunahme von Diebstählen und Gewaltdelikten registriert werde, will sie wissen. Das einfache Ja, verleitet sie zu der Annahme, dann könne man dort wohl nicht mehr gefahrlos passieren. Nein, das sei jetzt wieder etwas übertrieben. Erst recht, wenn sie dort mit einer Gruppe unterwegs ist. Ähnliches gelte für das RAW-Gelände, denn das wollten die Studenten am Abend besuchen. Aber etwas Vorsicht wäre natürlich angebracht. Ebenso, wie wahrscheinlich in manchen Gegenden von Amsterdam.

Zum Schluss des Gesprächs gibt es noch ein Überraschung. Denn die Holländerin ist eigentlich Berlinerin. Sie wurde in Rudow geboren, ihr deutscher Vater und die niederländische Mutter haben sich in der Stadt kennengelernt. Einige Jahre nach ihrer Geburt zog die Familie ins Nachbarland. Erinnerungen an die Berliner Zeit habe sie deshalb kaum noch. Aber vielleicht animierte der aktuelle Aufenthalt zu weiteren Besuchen.

Ihren fertigen Film werde sie schicken, versprach Milou Tautz noch zum Abschied. tf

Autor:

Thomas Frey aus Friedrichshain

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