Todesangst nach Asbest-Befund
Tausende Degewo-Mieter leben in Wohnungen mit möglichen Gesundheitsgefahren

Mario Kelek hat Todesangst: Er hat sechs Jahre in dieser asbestverseuchten Wohnung an der Graunstraße gelebt.
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Rund 17.000 Wohnungen stehen bei der kommunalen Degewo unter Asbestverdacht. Im Brunnenviertel sind in rund 2700 Wohnungen asbesthaltige Wand- und Bodenfliesen verbaut. Die Mieter wissen von der tödlichen Gefahr kaum etwas.

Zwei Briefe hat Mario Kelek Ende November von der Degewo bekommen. Einen mit einer Zahlungserinnerung und einen mit dem positiven Asbest-Gutachten zu seiner Wohnung in der Graunstraße 7. Das Schreiben mit der Zahlungserinnerung hat den Stempel „Wichtige Dokumente“ drauf, das mit dem Asbestbefund hingegen nicht. Das zeigt, wie wichtig der Degewo das Thema Asbest ist.

Die mineralischen Naturfasern gelten seit den 1970er-Jahren als krebserregend. Seit 2005 gilt ein EU-weites Verbot.

Mario Kellek ist 2012 in die Degewo-Wohnung gezogen. Dass dort asbesthaltige Flor-Flex-Platten als Wand- und Bodenfliesen verbaut sind, wurde ihm nicht gesagt. Von der Schadstoffbelastung hat er erst erfahren, als er im Oktober ausziehen wollte. Die Degewo teilte ihm mit, dass er keinen Nachmieter benennen könne, weil die Wohnung wegen Schadstoffbelastung erst saniert werden muss. „Das Wort Asbest fiel nie“, so Kellek. Bei Recherchen stieß er auf einen Artikel der Berliner Woche über die Asbestplatten in Tausenden Degewo-Wohnungen.

Bodenplatten herausgefräst

Der Online-Parketthändler Kellek hatte 2012 mit Freunden und seinem Vater in der Wohnung neue Böden verlegt. Von asbesthaltigen Fußbodenplatten oder Fußbodenkleber wussten sie nichts. Mit großen Maschinen wurde alles herausgefräst. Masken und Schutzanzüge trug keiner. „Wir haben das alles voll eingeatmet“, sagt der 42-jährige Wiener, der mittlerweile mit seiner Frau wieder in Österreich lebt. Seit er weiß, dass er jahrelang in einer Asbestwohnung gelebt hat, hat Kellek Todesangst. Sein Vater, der 2012 tagelang bei der Renovierung geholfen hat, ist vor zwei Jahre an Krebs gestorben.

Auf seine Nachfragen zur Schadstoffbelastung schreibt das Degewo-Kundenzentrum Nord im Oktober: „Zunächst möchten wir Ihnen Ihre Bedenken nehmen hinsichtlich einer Gesundheitsgefährdung aufgrund von Schadstoffbelastung“. Kein Wort von Asbest; kein Hinweis, dass beschädigte Bodenfliesen gefährlich sind. „Im Flur gab es schon immer gebrochene Bodenplatten“, sagt Kellek. Keine Gesundheitsgefährdung? Kelek forderte ein Gutachten. Die Degewo schickte eine Fachfirma. Der Mitarbeiter setzte sich eine Schutzmaske auf, bevor er sich zur gerissenen Platte bückte und diese verklebte. „Wir haben hier sechs Jahre gelebt“, so Kelek. Ihn überkam fast Panik beim Anblick des Gutachters im Schutzklamotten. Wochen später dann, am 22. November, das Ergebnis des Gutachten in besagtem neutralen Umschlag. „Im Fußboden Ihrer Wohnung (Bodenplatten und Kleber) konnte Asbest nachgewiesen werden“, heißt es in dem Degewo-Schreiben vom Kundenzentrum Nord. „Mit freundlichen Grüßen“, das wars. Kein Informationen, was das für seine Gesundheit bedeutet und ob möglicherweise weitere Gefahr besteht.

Gebrochene Platten sofort melden

Die Anfragen der Berliner Woche zur Asbest-Angst des Mieters oder die fehlenden Informationen zu den Gefahren beantwortet die Degewo erst nach erneutem Drängen und acht Tage später. Sabrina Grohlisch von der Pressestelle betont, dass von den asbesthaltigen Flor-Flex-Platten, die auch bei der Degewo als Wand- und Bodenfliesen verwendet wurden, „keine Gesundheitsgefahr ausgeht, wenn die Bauprodukte mit festgebundenen Asbestfasern unbeschädigt sind“. Deshalb würden Mieter aufgefordert, „auf keinen Fall selbst, sondern nur in Absprache mit der Degewo Umbauten oder Veränderungen vorzunehmen“. In der Umbauvereinbarung mit Mario Kelek von 2012 wurde dem Mieter die „Verlegung von Parkett (schwimmend, vorzugsweise unverleimt mit Klickverschluss) inklusive Einbau einer Trittschalldämmung auf vorhandenem Belag im Wohn- und Schlafzimmer“ erlaubt. „Ihm wurde also nicht die Entfernung der Flor-Flex-Platten gestattet“, so Grohlisch.

„Es gab keinen Hinweis, die Platten auf keinen Fall zu entfernen. Niemand hat uns davor gewarnt, dass vom Boden und Klebstoff eine Gefahr ausgeht“, so Mario Kelek. „Hätte wir das gewusst, hätten wir nie und nimmer diesen Bodenbelag angefasst“, zeigt sich der Mieter entsetzt von der Reaktion der Degewo. Auch könne bei einer Renovierung so eine Flex-Platte leicht brechen. „Es war extrem fahrlässig, mich nicht zu informieren und uns einer hohen Asbestdosis auszusetzen“, so Kelek. Außerdem habe bereits der Vormieter schon einige Platten entfernt, so dass Asbestfasern bereits austreten konnten.

Kelek informiert Nachbarn

Weder im Mietvertrag noch in Hauseingängen wird auf die Asbestproblematik hingewiesen. Mario Kelek will jetzt die anderen Mieter informieren. Er hat bei Nachbarn schon geklingelt und etliche gebrochene Fußbodenplatten gesehen. „Uns wurde eine Asbestbelastung verheimlicht. Für uns kann das verheerende Konsequenzen haben. Nur mit dieser Angst zu leben, ist schon schlimm genug. Aber davon steht kein Wort in den Degewo-Mails. Kein Degewo-Mitarbeiter hat in irgendeiner Weise Verständnis gezeigt oder sich entschuldigt“, so Kelek.

„2012 wurden die Mieter ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Sie uns beschädigte Flor-Flex-Platten melden sollen, so dass wir dann die erforderlichen Maßnahmen ergreifen können. Seitdem entfernt die Degewo bei Auszug eines Mieters die schadstoffhaltigen Platten“, schreibt Degewo-Sprecherin Sabrina Grohlisch. 2012 also. Und nie wieder? Tausende Mieter wissen nichts von den Gefahren. Auf der Degewo-Website findet man nichts zum Thema Asbest. In wie vielen der rund 17 000 Degewo-Wohnungen unter Asbestverdacht Menschen einem Krebsrisiko ausgesetzt sind, weiß niemand.

Mario Kelek hat Todesangst: Er hat sechs Jahre in dieser asbestverseuchten Wohnung an der Graunstraße gelebt.
In diesem Haus der Degewo an der Graunstraße sind asbesthaltige Wand- und Bodenfliesen verbaut. Gebrochene Platten sind gefährlich.

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