Asbest bleibt Geheimthema
Tausende Mieter in kommunalen Wohnungen betroffen

Asbesthaltiger Fußbodenkleber und asbesthaltige Fußbodenplatten: Mario Kelek hat dies 2012 aus seiner Wohnung in der Graunstraße herausgerisssen. Von der Asbestgefahr wusste er nichts.
  • Asbesthaltiger Fußbodenkleber und asbesthaltige Fußbodenplatten: Mario Kelek hat dies 2012 aus seiner Wohnung in der Graunstraße herausgerisssen. Von der Asbestgefahr wusste er nichts.
  • Foto: Mario Kelek
  • hochgeladen von Dirk Jericho

Rund 17.000 Wohnungen der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft Degewo, davon rund  2700 im Brunnenviertel, stehen unter Asbestverdacht.

Wenn ein Mieter auszieht, werden bei der Degewo Wohnungen auf Schadstoffe untersucht und gegebenenfalls saniert. Nur weil er seine Wohnung in der Graunstraße 7 im September gekündigt hatte und einen Nachmieter stellen wollte, hat Mario Kelek eher nebenbei erfahren, dass er jahrelang krebserregendem Asbest ausgesetzt war (wir berichteten).

Bei seinem Einzug 2012 hatte Kelek niemand gesagt, dass in der Wohnung asbesthaltige Flor-Flex-Platten verbaut sind, die, wenn sie gebrochen sind, gefährlich sind. Und auch bei Nachfragen zu den Schadstoffen vermeiden die Degewo-Mitarbeiter das Wort Asbest. Die Fußböden würden bei Mieterauszug auf „Schadstoffe geprüft“, so ein Mitarbeiter gegenüber Kelek. Die Beprobungen fänden erst seit knapp zehn Jahren wegen neuer gesetzlicher Bestimmungen statt. Kelek ist jedoch vor sechs Jahren eingezogen. 2012 hatte er die Wohnung als Nachmieter übernommen. Die Degewo gab dem Mieter damals weder irgendwelche Hinweise, noch gab es Schadstoffmessungen.

"Bedarf an Information und Vertrauen bildenden Maßnahmen"

Wie berichtet, hat Mario Kelek auf Drängen ein Gutachten erstellen lassen. Das Ergebnis ist positiv, der Fußbodenkleber asbesthaltig. Der Österreicher, der wieder nach Wien gezogen ist, lebt seitdem in Todesangst. Er hatte beim Einzug 2012 die asbesthaltigen Fußbodenplatten und Fußbodenkleber rausgerissen. Ohne Masken und Schutzanzüge, von einer möglichen Asbestgefahr wusste Kelek nichts. Sein Vater, der damals geholfen hat, ist vor zwei Jahre an Krebs gestorben. Jetzt hat Mario Kelek eine Internetseite „Asbest Berlin“ eingerichtet. Er will Betroffene warnen und aufmerksam machen. „Mieter von landeseigenen Degewo-Wohnungen werden seit Jahrzehnten über die lauernde Asbestgefahr in den eigenen vier Wänden in Unwissenheit gehüllt und dadurch einem hohen Krebsrisiko ausgesetzt“, schreibt er auf Facebook. Sein Post mit dem Bericht der Berliner Woche wird immer weiter geteilt.

Das Thema Asbest wühlt die Leute auf. Und die Gefahren sind seit Jahrzehnten bekannt. Die mineralischen Naturfasern gelten seit den 1970er-Jahren als krebserregend. Seit 2005 gilt ein EU-weites Verbot. Und bereits 2000 sagte der damalige Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Frank Bielka, auf eine Grünen-Anfrage im Abgeordnetenhaus, dass in mehr als 62 000 städtischen Wohnungen asbesthaltige Flex-Platten verbaut sind. Bielka war von 2003 bis 2014 im Vorstand der Degewo. „Dieser neue Degewo-Fall zeigt, dass die Wohnungswirtschaft noch einigen Bedarf an der Sanierung von Wohnungen, aber sehr wohl auch an Information und Vertrauen bildenden Maßnahmen hat“, sagt Andreas Otto von den Grünen, der sich seit Jahren um das Thema Asbest kümmert. Er fordert die Degewo auf, „regelmäßig alle Bewohner zu informieren, in deren Wohnung sich Asbestbauteile befinden könnten“.

Beratungsstelle noch nicht eröffnet

Im Koalitionsvertrag zwischen SPD, Linkspartei und Grünen wurde 2016 eine „Strategie ,Asbestfreie Hauptstadt 2030‘ zur schrittweisen Asbestsanierung“ beschlossen. Die landeseigenen Wohnungen sollen schrittweise saniert werden, heißt es da. Und: „Die Berliner sollen besser als bisher über Gefahren von Schadstoffen wie Asbest informiert werden. Ziel der Koalition ist es, ein öffentlich einsehbares Asbestregister einzurichten“, steht im Koalitionsvertrag. Das gibt es bisher nicht.

Andreas Otto ärgert auch, dass die vom Abgeordnetenhaus beschlossene Asbest-Beratungsstelle noch immer nicht eröffnet wurde. Solange es die nicht gibt, sollten sich Betroffene direkt an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wenden, empfiehlt der Grünen-Politiker. Derzeit mache das „Wirrwarr an Ansprechpartnern – Gesundheitsämter, Bauaufsichten, Landesamt für Arbeitsschutz, Gesundheitsschutz und technische Sicherheit, Umweltkripo – die Kontaktaufnahme für Bewohner von asbestverdächtigen Wohnungen mit den zuständigen Behörden fast unmöglich“, so Otto. Manche Wohnungsunternehmen würden grundsätzlich alle Bewohner informieren, andere, wie die Degewo, seien eher zurückhaltend. Otto fordert regelmäßige Kontrollen, insbesondere der Fußböden, und eine schrittweise Sanierung der asbestbelasteten Wohnungen.

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