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„Lass mich nicht im Stich, Mutti“: Renate K. ist auf einen Betrüger hereingefallen

Renate K. ist Opfer von skrupellosen Verbrechern geworden. Sie will mit ihrer Geschichte davor warnen, auf die selbe Masche hereinzufallen.
Renate K. ist Opfer von skrupellosen Verbrechern geworden. Sie will mit ihrer Geschichte davor warnen, auf die selbe Masche hereinzufallen. (Foto: Schilp)

Gropiusstadt. Renate K. kommen ständig die Tränen. Sie kann immer noch nicht fassen, dass sie einem Telefonbetrüger auf den Leim gegangen ist. Fast 80 000 Euro hat sie verloren, ihr gesamtes Vermögen. Nun möchte sie alle Menschen warnen.

Deshalb ist sie, auch wenn es ihr schwerfiel, wie üblich zu ihrer Dienstag-Bingo-Gruppe ins Kurt-Exner-Haus an der Wutzkyallee gekommen. Dort erzählt sie von ihrem schlimmen Erlebnis: Am Nachmittag des 12. Januar bekam sie einen Anruf. „Mutti, du musst mir helfen“, hörte sie und vermutete sofort ihren Sohn R. am anderen Ende. Der Mann erzählte ihr aufgeregt, er sei bei einem Makler am Ku’damm, habe 50 000 Euro für eine Wohnung angezahlt und brauche dringend eine große Summe, sonst sei seine Anzahlung futsch. „Wie viel kannst du mir geben, Mutti? 50 000? Hast du nicht noch mehr?“, drängte er.

„Du klingst so komisch“, sagte Renate K. Er sei erkältet, erklärte der Mann. Und tatsächlich erinnerte sich Renate K., dass ihr Sohn zu Silvester Schnupfen hatte. Also suchte sie alles Geld zusammen, während der Mann am Telefon wartete. Er könne nun vorbeikommen und die Summe abholen, sagte sie schließlich. „Ich kann hier doch nicht weg, ich muss in einer Schlange warten.“ Er schicke einen Bekannten vorbei. Als Renate K. Einwände erhob, flehte der Anrufer: „Bitte, du hast uns doch so gut erzogen, ich habe dich noch nie belogen. Lass mich nicht im Stich, es hat alles seine Richtigkeit.“

Schließlich gab Renate K. nach und überreichte einem fremden Mann an ihrer Wohnungstür das Geld, der damit verschwand. Der Anrufer blieb die ganze Zeit über in der Leitung und redete auf sie ein. „Erst als er immer wieder fragte, ob ich nicht noch Schmuck oder ein Sparbuch hätte, wurde ich misstrauisch“, erzählt die 75-Jährige. Zu spät.

Immer gespart

Renate K. war finanziell nie auf Rosen gebettet. Dass sie so viel Bargeld zu Hause hatte, ist einem Streit mit ihrer Bank geschuldet. „40 Jahre lang habe ich gespart, bin nicht in Urlaub gefahren, mein verstorbener Mann hat den Garten verkauft“, sagt sie. Vom „Enkeltrick“, so werden diese Art Betrüger-Anrufe genannt, habe sie schon oft gehört. Aber die Maklergeschichte konnte sie damit nicht in Zusammenhang bringen.

Polizeioberkommissar Michael Kühl vom Landeskriminalamt ist Experte für Seniorensicherheit. „Jeder denkt: Das kann mir nicht passieren, aber das stimmt nicht“, sagt er. Die Täter würden äußerst geschickt vorgehen. Oft sei die erste Frage: „Erkennst du mich?“ Tippe der Angerufene dann auf Bruder, Neffe oder Urlaubsbekanntschaft, seien die Rollen festgelegt, und viele Opfern entwickelten einen Tunnelblick. „Das Allerschlimmste ist, dass die Betrogenen sich nach der Tat mit Schuldgefühlen quälen.“ Es sei gut, dass Renate K. nach draußen gehe und von ihrem Erlebnis erzähle.

Nicht reinlassen

Er rät dazu, nie einem Fremden Geld zu geben oder in die Wohnung zu lassen. Das gilt auch für angebliche Polizeibeamte, die in den vergangenen Wochen viele Neuköllner betrogen haben (die Berliner Woche berichtete). „Steht ein Polizist vor der Tür, sollte man sich die Nummer des Reviers geben lassen, sie fangen alle mit 4664 an, und dort anrufen“, sagt Kühl. Wer mehr wissen möchte: An jedem letzten Dienstag im Monat gibt es im Polizeipräsidium am Columbiadamm 4 eine kostenlose Sicherheitsberatung für Menschen über 60. Infos unter www.polizei.berlin.de („Prävention“).

Renate K. hat tolle Kinder. Alle vier reagierten mit viel Verständnis und trösteten sie. Sohn R., den sie für den Anrufer gehalten hatte, sagte ihr: „Mutti, das zeigt auch, dass du wirklich alles für uns tun würdest.“ sus

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