Berliner trauern am Mahnmal Gleis 17

Rosen in Gedenken an die Deportierten: 73 Jahre nach dem Beginn der Verschleppung setzten Hunderte Berliner ein Zeichen gegen das Vergessen.
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Grunewald. In ungeheizten Viehwaggons rollten jüdische Bürger Berlins einst von Grunewald aus der Vernichtung entgegen. Ein Grauen, das bei der aktuellen Gedenkveranstaltung alle Redner auf ihre Weise in Worte zu fassen versuchten. Den tiefsten Eindruck hinterließ eine Frau, die überlebte.

Als Margot Friedländer ans Mikrophon tritt, scheint die Mischung aus Demut, Ehrfurcht und Scham beinahe greifbar. Hier steht eine alte Frau, die nach dem Krieg in eine Stadt zurückkehrte, in der ein Kreis von treuen Freunden sie jahrelang vor den Nazis versteckte - aber die große Mehrheit ihren Abtransport nach Theresienstadt schließlich schweigend in Kauf nahm. "Unsere Nachbarn", erklärt Friedländer, "haben weggesehen. Und dann gesagt: Wir wussten von nichts."

Vor ihr haben schon andere Redner der Gedenkveranstaltung versucht, sich dem kaum Fassbaren mit eigenen Worten zu nähern. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) erinnerte daran, dass "erst das Schweigen der Mehrheit die Züge nach Auschwitz fahren ließ". Eine Aufforderung an die heutige Jugend, sei das, gegen neue Ausläufer des Antisemitismus aktiv einzutreten: "Steht auf gegen Judenhass!", riet Grütters allen jugendlichen Gästen zu. Von 1941 bis 1945 seien 50 000 jüdische Berliner in die Vernichtungslager gelangt. Die Station in Grunewald, sagte Grütters, war damals ein "Verladebahnhof für menschliche Fracht".

Am heutigen Mahnmal Gleis 17 kann Rabbiner Daniel Alter die drückende Last der Geschichte noch immer spüren. "Dieser Ort zwingt mich, ins Korn zu schauen", beschrieb er die eindringliche Wirkung von Gleis 17. Und auch von ihm erging ein Aufruf zur Zivilcourage und zur Bekämpfung von Diskriminierung jedweder Art. Denn sie, glaubt der Rabbiner, ist immer die Vorstufe zur Gewalt.

Eigene Zugangswege zum Deportationswahnsinn der Nazis suchten an diesem Tag Schüler des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums mit ihren Recherchen zu einzelnen Schicksalen der Opfer. Dies sei ein Versuch, über die reine Sachlichkeit von Geschichtstexten und Zahlen hinauszukommen, hieß es von einer jungen Rednerin.

Und dann also hatte Margot Friedländer selbst das Wort, spricht mit ruhiger Stimme darüber, welches Glück sie hatte, dass der Zug, in den man sie 1944 einpferchte, von Grunewald aus nicht nach Auschwitz fuhr, sondern nach Theresienstadt, wo sie die Tortur bis zur Befreiung ertrug. Überwältigt und unter Tränen legt sie schließlich mit Hunderten anderen Festgästen weiße Rosen am Bahnsteig nieder. Eindringliche Szenen, die sich wohl jedem Gast ins Gedächtnis brennen werden. Margot Friedländer sieht ihre Anwesenheit als Pflicht an: "Ich habe heute für alle gesprochen, die das nicht mehr können."

Thomas Schubert / tsc
Autor:

Thomas Schubert aus Charlottenburg

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