Ein erschreckender Akt der Kulturbarbarei

Die Alice Salomon Hochschule will das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer im Herbst übermalen lassen. | Foto: hari
  • Die Alice Salomon Hochschule will das Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer im Herbst übermalen lassen.
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Die Alice Salomon Hochschule wird im Herbst dieses Jahres die Südfassade ihres Gebäudes neu gestalten. Dabei wird der großformatige Text des Gedichts „Avenidas“ von Eugen Gomringer durch einen Text der Dichterin Barbara Köhler ersetzt.

Mit dieser Entscheidung will die Hochschulleitung das Aufsehen beenden, das ihr Vorgehen gegen das Gedicht von Gomringer bundesweit ausgelöst hat. Künftig soll alle fünf Jahre die Beschriftung der Fassade gewechselt werden. Das Gedicht von Gomringer soll auf einer kleinen Tafel unten an der Fassade nachzulesen sein. Zudem soll erläutert werden, warum das Gedicht in großer Schrift entfernt wurde.

Die Kritik am Vorgehen der ASH endet damit nicht. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat die Entscheidung der Hochschulleitung als einen „erschreckenden Akt der Kulturbarbarei“ kritisiert. Auch der Berliner Kulturstaatssekretär Klaus Lederer (Die Linke) kritisierte in einer Fragestunde im Abgeordnetenhaus die Entscheidung als „falsch und misslungen“. Er wolle sich nicht in die Autonomie der Hochschule einmischen, halte jedoch den Vorwurf des „Sexismus“ an den Dichter für absurd.

Im Jahr 2011 verlieh die Alice Salomon Hochschule ihren Poetik-Preis an Gomringer und ließ sein Gedicht „Avenidas“ groß an der Fassade der Hochschule am U-Bahn Hellersdorf angebracht. In dem auf Spanisch geschriebenen Gedicht beschreibt er die Glücksgefühle eines Mannes während des Flanierens auf Alleen beim Anblick von Blumen und Frauen.

Im April vergangenen Jahres stieß sich der der Allgemeine Studentenausschuss (AStA) der Hochschule an dem Inhalt des Gedichts. Dem Dichter wurde das Festhalten an patriarchalischen Kunsttraditionen vorgeworfen. Das Gedicht erinnere an sexuelle Belästigungen, denen Frauen alltäglich ausgesetzt seien. Gerade der Alice-Salomon-Platz und der U-Bahnhof Hellersdorf werden als Orte gebrandmarkt, an denen sich Frauen nicht sicher fühlen könnten.

Das Bezirksamt und die Bezirksverordnetenversammlung von Marzahn-Hellersdorf lässt die bundeweite Kritik an der Fassadenstürmerei kalt. Lediglich die AfD-Fraktion brachte in die BVV einen Antrag ein, das Bezirksamt möge sich an die ASH wenden, um die Gedichtübermalung zu verhindern. Den Antrag lehnte eine Mehrheit der Bezirksverordnetenversammlung ab.

Laut Alexander J. Herrmann, Vorsitzender der CDU-Fraktion, habe man sich auf keinen gemeinsamen Text einigen können. Die Entscheidung der ASH sei ohnehin schon gefallen gewesen. „Die Entscheidung und insbesondere die Begründung für die geplante Übermalung halte ich weiterhin für falsch und gesellschaftspolitisch gefährlich“, erklärt er. Sie sei ein Angriff auf die Freiheit der Kunst.

Weder Kulturstadträtin Julia Witt noch Bürgermeisterin Dagmar Pohle (beide die Linke) waren auch auf Nachfrage der Berliner Woche zu einer Stellungnahme bereit. Sie schweigen wie auch die meisten anderen Politiker im Bezirk.

Autor:

Harald Ritter aus Marzahn

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