Wo Ostler und Westler sich treffen
Ein Ehepaar organisiert seit über 20 Jahren den Einheitsflohmarkt am 3. Oktober

Hunderte professionelle und private Händler bauen am 3. Oktober ihre Stände beim Einheitsflohmarkt auf. Michael Schrottmeyer und Regina Pröhm hatten die Idee dazu 1998.
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  • Hunderte professionelle und private Händler bauen am 3. Oktober ihre Stände beim Einheitsflohmarkt auf. Michael Schrottmeyer und Regina Pröhm hatten die Idee dazu 1998.
  • Foto: oldthing.de
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Den Einheitsflohmarkt am 3. Oktober, der auch in diesem Jahr auf der Trabrennbahn stattfinden wird, gibt es als Riesenflohmarkt schon seit den Neunzigern. Angefangen hat alles 1992, als Regina Pröhm und Michael Schrottmeyer aus Wien ins ehemalige Ost-Berlin kamen.

Beide hatten ihr Studium beendet und wollten eigentlich hier ihren Doktortitel machen: Pröhm in Sonder- und Heilpädagogik und Schrottmeyer in Geografie und Raumplanung. Das Ziel Friedrichshagen war recht schnell gefunden: Es sollte auf jeden Fall Berlin werden, aber Kreuzberg und Co. waren Wien zu ähnlich und der ehemalige Ost-Teil hatte seinen besonderen Reiz auf die beiden Österreicher, die vorher die DDR nicht gekannt hatten. „Das war wie eine neue Welt“, sagt Regina Pröhm.

Die Idee mit den Antik- und Flohmärkten ergab sich dann plötzlich, als das Ehepaar die Nachbarschaft beim Aussortieren beobachtete. Viele Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände wurden kurz nach der Wende einfach weggeschmissen, stellten beide ungläubig fest. „Wir hatten ja nicht die Vorgeschichte erlebt, aber ich empfand das Wegschmeißen als etwas vorschnell“, erzählt die Wahl-Berlinerin. Fix beschloss das Ehepaar, dass diese „Kulturgüter“ gerettet werden müssen, und organisierte 1993 den ersten Markt auf einem Parkplatz in Friedrichshagen. Den sonntäglichen Kunst- und Trödelmarkt gibt es noch. Aus der Idee sind Geschäft und Leidenschaft geworden.

Für viele Händler, die hochwertigere Antikstücke verkaufen wollten, war der Standort Friedrichshagen allerdings nicht lukrativ genug. Also wurde um 1997 ein weiterer Markt am Ostbahnhof gestartet – ein Antikmarkt, für gehobene Ware und anspruchsvolle Kunden. Auch diesen gibt es dort immer noch jeden Sonntag, mittlerweile hauptsächlich mit Sammlerstücken wie Briefmarken, Ansichtskarten oder Büchern.

Wie überwindet man die Mauer in den Köpfen?

Was sich dort zeigte: Händler aus dem Westen Deutschlands wollten in den Neunzigern nicht im Osten verkaufen. „Für uns als Österreicher war das vollkommen absurd, aber die Grenzsperre im Kopf war so extrem, dass nicht mal darüber nachgedacht wurde. Teilweise ist das heute auch noch so ähnlich“, beschreibt Regina Pröhm. Um auch die westdeutschen Händler zum Ostbahnhof zu locken, startete das Ehepaar einen Riesenflohmarkt mit beidem, Antiquitäten und Trödel, der am Tag der Deutschen Einheit alle anziehen sollte. Zum jährlich wachsenden Einheitsflohmarkt kamen dann auch die Händler aus dem ehemaligen West-Berlin.

2018, als der Einheitsflohmarkt aufgrund der Baustellen am Ostbahnhof einen neuen Standort finden musste, tat sich die nächste Hürde auf. In der Nähe ihres mittlerweile langjährigen Wohnsitzes in Karlshorst bot sich glücklicherweise der Pferdesportpark an, der den Markt auch in diesem Jahr beherbergen wird.

Mit drei verschiedenen Marktmodellen und Spezialangeboten wie der Internet-Plattform oldthing.de hat das Ehepaar viel Arbeit. Von Anfang an haben die beiden alles allein auf die Beine gestellt: Akquise, Organisation und Werbung. „Wir sind monatelang mit dem Fahrrad von Erkner bis zum Ostkreuz gefahren, um unsere Plakate und Flyer zu verteilen, auch bei Regen“, erinnern sie sich. Ob sie nicht bei den ganzen Schwierigkeiten auch mal Zweifel am Geschäft hatten und hinschmeißen wollten? „Da hängt ja auch eine soziale Verantwortung dran“, erwidert Michael Schrottmeyer. Manche wöchentlichen Verkäufer, sowohl am Ostbahnhof, als auch in Friedrichshagen, seien darauf angewiesen. „Außerdem ist es für manche, auch ältere Leute in Friedrichshagen wie ein Kirchenersatz“, ergänzt seine Frau. „Da kann man so einiges an Ergo- und Psychotherapie sparen, weil die Menschen einen wöchentlichen Ort haben, an dem sie sich ohne Eintritt treffen und quatschen können.“ Außerdem stecke viel Herzblut in ihrem Geschäft, so Pröhm: „Das ist ja unser Baby, auch wenn es schon 20 Jahre alt ist“.

Spannend bis zum Schluss

Sollten sich beide doch mal überarbeitet fühlen, gönnen sie sich – falls nichts dazwischenkommt – erholsamen Urlaub getrennt voneinander. Pröhm fährt am liebsten zum Yoga-Retreat an den Atlantik und Schrottmeyer zur Bergexpedition nach Asien. Dann kommen sie erholt wieder – für die Nachtarbeit, die sie eigentlich schon längst sein lassen wollten. „So ein Großevent ist immer spannend bis zur letzten Sekunde, aber macht auch viel Spaß“, sagt Regina Pröhm mit Blick auf den 3. Oktober, wenn die Trabrennbahn wieder über 700 Händler beherbergt.

Autor:

Luise Giggel aus Wedding

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