Erinnerungen an den „Zusammenbruch“
Der frühere FDJ-Chef Eberhard Aurich hat ein Buch über die letzten Wochen der DDR geschrieben

Eberhard Aurich vor dem "Zollernhof", heute Hauptstadtstudio des ZDF. Hier hat er von 1972 bis 1989 gearbeitet.
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Eberhard Aurich (73), einst Chef der Jugendorganisation FDJ, hat er seine Erinnerungen an die letzten Monate der DDR veröffentlicht. Nach dem Ende der DDR war er Geschäftsführer eines Verlags, der engagierte Rentner lebt im Allende-Viertel.

Wir treffen ihn im „Zollernhof“, Sitz des Hauptstadtstudios des ZDF, Unter den Linden 36-38. Hier befand sich bis 1989 der Zentralrat der FDJ. „Hier habe ich seit 1972 gearbeitet, erst bei der Abteilung Studenten und ab 1983 als Erster Sekretär des Zentralrats“, erinnert sich Aurich, der zum ersten Mal seit 30 Jahren den inzwischen restaurierten und umgebauten Bürokomplex betritt. Am 24. November 1989 war er als FDJ-Chef abgewählt worden. „Ich hatte plötzlich weder Job noch Dienstwagen und bin mit der S-Bahn nach Hause gefahren“, erzählt er.

An seinem Buch „Zusammenbruch“ hat er mehrere Jahre gearbeitet, Dokumente zusammengetragen und ausgewertet. Und nicht ohne Grund dem Titel die Unterzeile „Erinnerungen, Dokumente, Einsichten“ beigefügt. Vor allem der Zeitraum zwischen 40. Jahrestag der DDR am 7. Oktober 1989 und dem Fall der Mauer rund einen Monat später wird behandelt. Für einige Episoden geht Aurich aber einige Monate zurück. So schildert er, wie er im August 1989 im Sperrgebiet am Brocken Urlaub macht. Beim Himbeerenpflücken stellt ihn ein Grenzposten. „Zeigen Sie mir bitte mal ihren Ausweis“, so die Forderung. Aurich überlegt, welchen: Pass, Personalausweis? Dann zückt er die rote Klappkarte, die ihn als Mitglied des Zentralkomitees ausweist, unterschrieben von Erich Honecker. „Vermutlich hat der noch nie so ein Ausweispapier gesehen, zeigt sich aber beeindruckt", schreibt er.

Am 4. Dezember 1989 ist der gleiche Ausweis nur noch Makulatur. Aurich will am Werderschen Markt das riesige Gebäude des ZK der SED – heute Auswärtiges Amt – betreten. „Dieser Ausweis gilt nicht mehr. Bitte gehen sie zum Besuchereingang und lassen sich registrieren“, bescheidet ihm der Wachposten. Am Tag zuvor war das Zentralkomitee zurückgetreten, die Räume der Mitglieder versiegelt, alle Ausweise für ungültig erklärt worden. „Das große Haus ist nun für mich wie für alle anderen Bürger ein Sperrgebiet. Dafür gibt es ein anderes im Harzer Wald nicht mehr. Zu gleichen Zeit wird auf dem Brocken eine Party gefeiert, niemand kontrolliert mehr im Wald die Ausweise“, erinnert sich Eberhard Aurich in seinem Buch.

Anhand seiner Erinnerungen beschreibt Aurich, wie der Sozialismus im Land unaufhaltsam zusammenbrach. Er versucht der Frage nachzugehen, warum der als System untergehen musste und warum die DDR nicht nur an Fehlern ihrer Führungen zerbrach (aus dem Klappentext zum Buch). Für diese Haltung wurde Aurich in der Vergangenheit mehrfach von DDR-Nostalgikern, darunter Margot Honecker und Egon Krenz, angegriffen. Auch dazu nimmt er Stellung.

Beim Kaffee im „Zollernhof“ legt Aurich seine Ausweise von 1989 auf den Tisch. ZK-Ausweis, Ausweis des Zentralrats der FDJ, Volkskammerausweis und ein noch in der Wendezeit vom neuen Staatsratsvorsitzenden Manfred Gerlach (LDPD) unterschriebener Ausweis des Staatsrats. „Die Jugendorganisation war ein wichtiger Teil des Landes. Wir fühlen uns damals hier in diesem Haus wichtig“, sagt er.

Im Anhang erfährt man, wo Eberhard Aurich in Chemnitz zur Schule ging, dass er 1947 getauft wurde, am Religionsunterricht teilnahm sowie 1958 Schrankenwärter und Fahrkartenkontrolleur bei der Pioniereisenbahn in Karl-Marx-Stadt war. 1965 trat er aus der Kirche aus und 1967 in die SED ein.

Eberhard Aurich wohnt seit 1981 im Allende-Viertel, engagierte sich in den letzten Jahren in der Flüchtlingshilfe und als Parkranger im Volkspark Köpenick und ist im Heimatverein Köpenick aktiv.

„Zusammenbruch“ (ISBN 978-3-00-063738-4) ist im Verlag KOPIE+DRUCK Berlin erschienen und kostet 19,80 Euro. Es ist im Buchhandel oder unter www.eaurich.de/Buch erhältlich.

Autor:

Ralf Drescher aus Lichtenberg

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