Anzeige

Nationalsozialismus in Echtzeit
Wieland Giebel und die Biogramme von Theodore Abel

Wieland Giebel und sein Mammutwerk.
Wieland Giebel und sein Mammutwerk. (Foto: Thomas Frey)

"Kaun" aus Kreuzberg tritt 1925 mit 18 Jahren in die NSDAP ein. 1929 wird er bei einer Auseinandersetzung mit Kommunisten verletzt. Am 30. Januar 1933 nimmt er am Fackelzug nach der NS-"Machtergreifung" teil.

"Kaun" ist eine Stimme in dem Buch "Warum ich Nazi wurde", das Herausgeber Wieland Giebel am 12. September im Berlin Story Bunker vorstellte. Das Werk ist 930 Seiten dick. Mehr als 600 davon sind Originalaufzeichnungen. Dort beschreiben Menschen im Deutschland des Jahres 1934 ihren Weg in den Nationalsozialismus. Die Grundlage dafür sind Biogramme, die der amerikanische Professor Theodore Abel aus dem "Dritten Reich" bekommen hat.

Abel (1896-1988), im polnischen Lodz geboren, besuchte 1933 Berlin. Dabei fiel ihm auf, wie präsent der NS-Staat bereits im öffentlichen Raum Fuß gefasst hatte. Da er deutsch sprach, bekam er viele Einblicke in das neue, alte Denken. Daraus entstand die Idee einer Massenbefragung. Sie sollte Aufschluss geben, was die Ursachen für die teilweise schon frühe Hinwendung zum Nationalsozialismus waren. Um möglichst viele Menschen zur Teilnahme zu bewegen, war der Biogramm-Aufruf an ein Preisausschreiben gekoppelt. Die besten Einsendungen erhielten Geldprämien. Sein Projekt fand auch die Unterstützung des Propagandaministeriums. Denn zu dieser Zeit ging es noch darum, die Einheit von Volk und Führung zu dokumentieren.

Innensansichten aus Nazi-Deutschland

683 Berichte hat Abel bekommen. 581 sind erhalten geblieben. Sie sind ein Spiegel der NS-Zeit in Echtzeit: kein historischer Rückblick auf die zwölf braunen Jahre und kein Zurechtbiegen einer Biografie nach 1945. Schon das macht ihre Besonderheit aus.

Umso erstaunlicher ist, dass diese besonderen Zeitzeugennotizen bisher kaum bekannt waren. Als sie 1938 in den USA als Buch erschienen, wurden sie von der Fachzunft verrissen. Das Werk fand danach wenig Beachtung. In den 1970er-Jahren beschäftigte sich der deutsch-amerikanische Soziologe Peter H. Merkl eingehender damit. Obwohl er dafür zeitweise am Institut für Zeitgeschichte in München forschte, zeigten Historiker kein Interesse. Erst Wieland Giebel, Chef des Berlin Story Verlags, hat die Abel-Papers aus der Versenkung geholt.

Der ehemalige Bunker an der Schöneberger Straße beherbergt seit 2015 das Berlin Story Museum. Neben einer Ausstellung zur Stadtgeschichte wird dort seit vergangenem Jahr eine Schau über Adolf Hitler, seinen Aufstieg und den des Nationalsozialismus gezeigt (wir berichteten). Sie steht unter dem Titel "Wie konnte das geschehen?" Dort wird auch auf Theodore Abel und sein Biogramm-Projekt verwiesen. Von dessen Existenz habe er zunächst durch eine Fußnote erfahren, sagt Wieland Giebel. Er forschte weiter und stieß auf ihren zum großen Teil erhaltenen Originalbestand, der sich in der Bibliothek der Universität Stanford in Kalifornien befindet. 3600 Seiten bekam er von dort. Vergessene Innenansichten aus Nazi-Deutschland.

Vom Arbeiter bis zum Prinzen

Auch die von Bäcker Sens. Während der Weimarer Republik wäre das Ausüben seines Handwerks mit zahlreichen Schwierigkeiten verbunden gewesen, teilte er mit. Dafür machte der nicht zuletzt "jüdische Geldverleiher" verantwortlich. Nach 1933 wendete sich das Blatt. Der Bäcker, ebenfalls Mitglied der SA, prosperiert. Oder Hedwig Eggert. 1898 geboren, hatte eine, wie sie schreibt, Kindheit in Armut. Sie habe zunächst viele Parteiveranstaltungen besucht. Bei den Sozialdemokraten sei es ihr "zu langweilig" gewesen, kommunistische Versammlungen "erzeugten in mir eine antisemitische Einstellung". Erfüllung gab es dann beim "Führer", zunächst durch dessen Buch "Mein Kampf", aus dem ihr Schwager regelmäßig vorlas. Robert Wuttur erhielt von Goebbels 1928 den Auftrag, zusammen mit anderen, NS-Betriebszellen bei der Reichsbahn, der Reichspost und der BVG einzurichten. Etwa am Bahnbetriebswerk am Anhalter Bahnhof. Also unweit des Berlin Story Bunkers.

Die Biogramme sind fast immer sehr ausführlich. In der Regel steht "Lebenslauf" darüber, manchmal beginnen sie mit Aussagen wie "Mein Weg zu Adolf Hitler". Alle erwecken den Anschein, als sei es den Verfassern ein großes Bedürfnis, ein Bekenntnis zu ihrer Haltung und den Gründen dafür abzulegen. Auffallend ist auch, dass die Biogramme aus unterschiedlichsten sozialen Milieus kommen. Vom Arbeiter bis zum Prinzen von Schaumburg-Lippe.

Das habe den Grundstein für den Erfolg der Nationalsozialisten gelegt, meint Wieland Giebel. Das Gefühl, Teil eines großen Ganzen zu sein. Seine Einstellung lange gegen das Umfeld verteidigen zu müssen, sorgte für weiteren Zusammenhalt.

Parallelen zu heute

Warum aber jemand Nazi wurde, dafür sei vor allem die Persönlichkeitsstruktur ausschlaggebend gewesen. Er nennt dabei als Faktoren eigenes Unterlegenheitsgefühl bei gleichzeitigem Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen, vornehmlich Nichtdeutschen, Rassismus und Antisemitismus. Ebenso wie Anfälligkeit für "Fake news" und Verschwörungstheorien.

Spätestens jetzt sind wir bei den aktuellen Zuständen. Als er mit dem Buch begonnen habe, wären die so noch nicht erkennbar gewesen, sagt der Herausgeber. Aber sie drängten sich jetzt auf.

Die Nazis seien nicht wegen ihrer eigenen Stärke, sondern wegen Zaghaftigkeit, Desinteresse, Ärger über die vorhandenen Parteien, an die Macht gekommen, lautet seine Schlussfolgerung. Auf heute bezogen reiche deshalb ein "Wir sind mehr" nicht aus. Es müsse erkennbar werden. Gegen die Rechten sei ein konsequentes Durchgreifen nötig. Wer, wie in Chemnitz, den Hitlergruß zeige, solle die Instrumente des Rechtsstaats zu spüren bekommen. Und das sehr zügig.

Wir sind noch nicht im Jahr 1932. Die Geschichte ist offen. Sie soll aber nicht dazu führen, womit Theodore Abel vor mehr als 80 Jahren konfrontiert wurde.

Das Buch "Warum ich Nazi wurde" kostet 49,95 Euro. Weitere Informationen auch unter www.berlinstory-buch.de.

Anzeige

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt