Orgelklänge vor dem Fenster
Starmusiker Cameron Carpenter gab Freiluftkonzerte

Viele der Passanten, die vorbeikamen, nutzten die Chance für einen Schnappschuss oder ein Video vom Star-Organisten.
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Vieles fehlt derzeit. Der Fußball, die Pasta beim Lieblingsitaliener, ein Livemusik-Erlebnis. Auch Freunden der Klassik bleibt letzteres wohl noch lange verwehrt. Es sei denn, diese Idee findet Nachahmer: Der renommierte Organist Cameron Carpenter aus den USA hat der Stadt kürzlich eine Konzertreihe beschert – gratis und unter freiem Himmel. Am 1. Mai war er in Lichtenberg unterwegs.

Welch ein Star da gerade musiziert, ahnen wohl die wenigsten. Nur vereinzelt öffnen sich in den Hochhäusern die Fenster. Hier werden Gardinen beiseitegeschoben, da taucht ein Kopf hinter der Scheibe auf, dort lugt ein Pärchen vom Balkon.

Sämtliche Blicke gehen hinab auf den Prerower Platz, wo es an diesem bisher stillen Maifeiertag plötzlich laut geworden ist. Ungewohnte Klänge erfüllen das ganze Viertel. Es ist Orgelmusik, live gespielt von einem echten Virtuosen auf der Königin aller Instrumente. Sein Name: Cameron Carpenter.

Der US-amerikanische Organist sollte dieser Tage eigentlich in der Philharmonie auftreten. Doch weil das Coronavirus ihn – wie fast alle Kollegen – zur Konzertpause zwingt, hat er aus der Not ein Geschenk gemacht. Für seine Wahlheimat Berlin. Ende April, Anfang Mai tourte Carpenter samt orgelbeladenem Lastwagen vier Tage lang kreuz und quer durch die Stadt. Auf dem Transporter am elektronischen Instrument sitzend, hat er 33 Orte bespielt. Lautsprecher sandten die Musik über Stadtplätze, zu den Fenstern und Balkonen von Plattenbauten, Pflegeheimen, Kliniken.

Carpenter bevorzugt Werke aus der Feder eines einzigen Komponisten, Johann Sebastian Bach. „All you need is Bach“ - alles, was du brauchst, ist Bach. So lautet nicht nur Carpenters Credo, so heißt auch sein aktuelles Album.

Zur Sicherheit keine Ankündigung

Auf eine öffentliche Ankündigung der Konzerte haben der Künstler und die Bürgerstiftung Berlin, die ihm bei der Organisation half, bewusst verzichtet. Selbst, wenn sie nur zuhören würden: Dass zu viele Menschen extra anreisen und an einem Ort verharren, wäre nicht im Sinne der Corona-Regeln.

So lauschen auch am Prerower Platz nur wenige Eingeweihte, ein paar Passanten und die daheimgebliebenen Kiezbewohner. Carpenter spielt trotzdem 20 Minuten lang Orgel, als befände er sich vor ausverkauften Rängen. Dann nimmt er die Hände vom Instrument, wendet sich kurz um, lächelt, winkt und packt zusammen. Auf zur nächsten Station. Noch vier mal will er sein „Fensterkonzert“ an diesem Nachmittag wiederholen – am Anton-Saefkow-Platz, auf dem Gelände des Sana-Klinikums, am Krankenhaus Herzberge, zuletzt am Tierparkcenter. Überall wird sein Publikum ein überschaubares sein. Aber ein dankbares.

„Gerne wieder“, meint der Bürgermeister

Steffen Schröder von der Bürgerstiftung Berlin hat den Künstler bei der Tour begleitet. Die Resonanz sei überwältigend, erzählt er. Gerade Klassik, gerade live gespielte Musik helfe den Menschen in diesen schwierigen Zeiten. „Es lindert das Gefühl von Isolation und Einsamkeit.“ Schröder lobt auch die schnellen, unbürokratischen Zusagen der Bezirksämter. Die mussten die Konzerte in Windeseile genehmigen, was wunderbar geklappt habe. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass wir das ohne Corona so fix hingekriegt hätten.“

Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Die Linke) findet die Aktion nicht nur gut, er möchte mehr davon. Es müsse ja nicht jedes Mal ein Weltstar sein, räumt er ein. „Wir haben doch das fabelhafte Jugendorchester der Schostakowitsch-Musikschule.“ Das Ensemble würde er gern für ähnliche Spontankonzerte gewinnen.

Autor:

Berit Müller aus Lichtenberg

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