Wer fünfmal stört, muss kurz raus
Kinder lernen Demokratie im eigenen Parlament

Keine Dekoration, sondern klare Vorgaben, an die sich die Kinder halten sollen. Das funktioniert erstaunlich gut.
  • Keine Dekoration, sondern klare Vorgaben, an die sich die Kinder halten sollen. Das funktioniert erstaunlich gut.
  • Foto: Philipp Hartmann
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„Wir verhalten uns höflich und fair! Wir lassen andere ausreden! Jede Meinung ist wichtig! Wir respektieren die Meinung der anderen!“ Nils Feyerabend hat einen Zettel mit Gesprächsregeln an die Tafel gepinnt. Die Kinder sollen sie stets vor Augen haben. In ihrem Parlament sollen sie sich beraten, respektieren und gemeinsam Entscheidungen treffen.

Ziel sei, den Kindern als Bürgern und Teil der Gesellschaft zu begegnen, sie ernst zu nehmen. „Sie sollen praktisch lernen, was Demokratie ist“, erklärt Feyerabend. Er arbeitet als Therapeut für den Träger Tannenhof Berlin-Brandenburg, der mehrere Standorte in Marienfelde und Lichtenrade hat. Dort wird die Schulfähigkeit von Kindern gefördert, die als „nicht beschulbar“ gelten, wie es Tamara Schönnebeck formuliert. Sie ist Leiterin des Tagesgruppenstandorts „Alte Feuerwache“, Im Domstift. Kinder, die in der Grundschule auch schon durch Angriffe auf Lehrer aufgefallen sind, lernen hier Verhaltensregeln und auch, Konflikte ohne Gewalt zu klären. „Sie werden bei uns in zwei Gruppen mit jeweils sieben Plätzen unterrichtet und nachmittags betreut. Nach spätestens anderthalb Jahren sollen sie in die normale Schule zurückgeführt werden“, erklärt Schönnebeck das Konzept.

„Wir haben mit den Kollegen lange überlegt, was uns noch fehlt. Dann haben wir entschieden, dass wir die Mitbestimmung der Kinder fördern möchten“, berichtet Nils Feyerabend. Die Idee zum Kinderparlament entstand rund um die Bundestagswahl 2017. „Keine Ahnung, warum da die ganzen Menschen hängen“, hätten die Kinder gesagt, als er sie bei einem Ausflug auf die Wahlplakate ansprach. „Frau Merkel kannten die meisten, aber darüber hinaus niemanden und die Wahl mit eigenen Worten beschreiben konnten sie auch nicht.“ Für Feyerabend war dies ein Schlüsselerlebnis. Mit Kollegen entwickelte er in Workshops das Kinderparlament. An jedem Tannenhof-Standort gibt es nun einen Kinderrat, der je zwei Gruppensprecher und deren Stellvertreter wählt. Einmal im Monat kommen die Gewählten aller Standorte zu ihrem Parlament zusammen.

Die Treffen laufen nach einer klar strukturierten Tagesordnung ab. Es gibt eine Anwesenheitskontrolle und einen Rückblick auf die vergangene Tagung. Anschließend berichten die Kinder von Ergebnissen ihres jeweiligen Kinderrats. Sie stellen Themen vor, die sie besprechen möchten. Danach wird diskutiert und abgestimmt. Eines der Kinder ist als Moderator dafür verantwortlich, dass die Tagesordnung und die Gesprächsregeln eingehalten werden. Nils Feyerabend ist als einziger Erwachsener dabei, greift jedoch nur ein, wenn die Kinder nicht von selbst weiterkommen. Ansonsten protokolliert er lediglich.

Die Themen sind vielfältig. „Wir wollen bei uns im Garten einen eigenen Pool bauen und haben darüber gesprochen, wo wir das Geld herbekommen“, sagt ein Sprecher vom Tagesgruppenstandort in Alt-Lichtenrade. „Wir würden gern eine Fahrt mit allen zusammen machen“, erzählt ein anderer. Der Gruppensprecher des Standorts Feuerwache berichtet, dass in ihrem Kinderrat die Verhaltensregeln Thema waren. Ergebnis ihrer Abstimmung: „Wer fünfmal stört, muss kurz raus!“. Kinder, die selbst beschließen, dass Fehlverhalten sanktioniert wird – da staunt sogar Nils Feyerabend. Denn in Momenten wie diesen zeigt sich, wie gut sie das Parlament angenommen haben. Ihre erste gemeinsame Entscheidung führte Ende Juni zu einem großen Fußballturnier aller Tannenhof-Standorte. Dort sahen die Kinder das Ergebnis dessen, was sie mit Demokratie erreichen können.

Autor:

Philipp Hartmann aus Tempelhof

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