Angestellte Lehrer kämpfen für gleiche Gehälter

Am 13. Mai am Molkenmarkt: Die Lehrerin Henny Schmid kritisiert, dass der Senat den Beruf für Neueinsteiger unattraktiv macht.
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Berlin. Die angestellten Lehrer in Berlin fordern bessere Arbeitsbedingungen und mehr Gehalt. Sie wollen eine Angleichung an den Beamtenstatus. Noch während der letzten Prüfungstage an den Oberschulen traten sie deshalb in der vergangenen Woche in den Streik.

Wenn Henny Schmid morgens zur Arbeit kommt, geht sie über einen leeren Schulhof, für den sich die Schüler seit Jahren Spielgeräte und Sitzgelegenheiten wünschen. Obwohl das Schulgebäude derzeit saniert wird, lecken die Toiletten. Briefe, Folien und Arbeitsblätter druckt sie meist zu Hause aus. "In der Schule ist der Drucker häufig kaputt", sagt die 30-Jährige. Normalerweise unterrichtet Henny Schmid Englisch und Kunst an einem Gymnasium in Steglitz. Doch an diesem Tag steht sie statt vor einer ihrer Schulklassen vor einer großen Bühne am Molkenmarkt. Es ist Streikwoche in Berlin.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat nach mehreren Warnstreiks in den vergangenen Monaten zum mehrtägigen Protest aufgerufen. "Gemeinsam für bessere Arbeitsbedingungen" steht auf einem großen Banner an der hinteren Wand der Bühne. Davor haben sich Gewerkschaftler, Elternvertreter, Schülersprecher und Lehrer versammelt, um öffentlich zu erklären, dass die Zustände an vielen Berliner Schulen immer unhaltbarer werden. Von ähnlichen Erfahrungen wie dem dauernd kaputten Drucker können viele Lehrer erzählen.

So ist die Rede von zu engen Räumen, unzähligen Vertretungsstunden ohne Fachunterricht und Überstunden, die vor allem durch stetig wachsende Verwaltungsarbeiten anfallen. "Etwa 70 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich mit anderen Aufgaben als Unterrichten", sagt ein junger Lehrer auf dem Podium. Henny Schmid kann das nur bestätigen. "Ich habe 26 Unterrichtsstunden pro Woche, durch Korrekturen, zusätzliche Termine und Papierkram ist das mindestens eine Sechs-Tage-Woche."

Examen mit 1,0

Doch was noch größeren Unmut als der hohe Arbeitseinsatz bei den Lehrern erzeugt, sind die ungleichen Gehälter. Seit 2004 verbeamtet Berliner keine Lehrer mehr. Doch das Einkommen der angestellten Lehrer ist bislang weder tarifvertraglich festgelegt noch steigt es über die Jahre genauso stark an wie bei den Beamten. "Angestellte Lehrkraft - an mir spart Berlin!" steht in leuchtend grüner Schrift auf dem T-Shirt von Henny Schmid. "Ich habe mein Examen mit 1,0 abgeschlossen, ich hätte überall einen Job bekommen", sagt sie selbstbewusst und schiebt mit Nachdruck hinterher, dass sie gern in Berlin lebt und arbeitet. Trotzdem versteht sie nicht, warum der Senat den Beruf für Neueinsteiger so unattraktiv macht - und das, obwohl in Berlin Lehrermangel herrscht.

Zum kommenden Schuljahr müssen nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft noch rund 1000 Pädagogen eingestellt werden. Da in den vergangenen Jahren Lehrer aus anderen Bundesländern angeworben wurden und diese ihren Beamtenstatus und das höhere Gehalt behalten konnten, wird die Ungleichheit noch verstärkt.

"Diese ganzen statusbedingten Unterschiede müssen abgeschafft werden, aber der Senat spricht ja nicht mit uns", beklagt Tom Erdmann von der GEW. Dass in Berlin mittlerweile etwa 8000 der 28 000 Lehrer Angestellte und keine Beamten mehr seien und dass trotzdem keine eigenen Tarifverhandlungen stattfinden, nennt er einen "Betriebsunfall". So bekommen die angestellten Lehrer zwar seit 2009 eine Zulage, damit sie mehr haben als den Sockellohn des öffentlichen Dienstes. Vertraglich garantiert ist ihnen der Zuschlag bislang aber genauso wenig wie eine reguläre Arbeitsplatzbeschreibung. "Mit der nächsten Finanzlücke im Haushalt kann alles wieder ganz schnell geändert werden", sagt der Gewerkschaftssprecher. Er kritisiert außerdem, dass die Ausstattungen der Schulen immer schlechter werden. Einfluss nehmen könne die Gewerkschaft allerdings nur auf die Gehälter.

Statt jedoch mit den Betroffenen über die Situation zu verhandeln, haben die beiden zuständigen Senatoren, Ulrich Nußbaum (parteilos) und Sandra Scheeres (SPD), kürzlich ein Maßnahmenpaket vorgelegt, um wieder mehr Berliner für den Lehrerberuf zu begeistern. Im Fokus stehen dabei die Arbeitszeiten. So sollen Überstunden besser abgebaut werden können, die Lehrer bekommen einen freien Tag extra und ab dem Alter von 58 beziehungsweise 61 Jahren wird die Arbeitszeit um je eine Stunde pro Woche reduziert. Für die GEW ist das jedoch eine Mogelpackung, da damit nur die Erhöhungen der vergangenen Jahre revidiert würden. So schwelt der Streit schon seit Dezember vor sich hin und immer wieder ruft die GEW zum Streik auf.

Große Solidarität

"Dass wir jetzt Aktionen planen, obwohl an den Schulen Prüfungszeit ist, war nötig, damit endlich etwas passiert", sagt Erdmann. Doch obwohl rund ein Drittel aller Berliner Lehrer durch den Streik potenziell im Schulalltag nicht verfügbar sind, funktioniere die Organisation an den Schulen problemlos. "Die Schüler haben keinen Nachteil", betont Erdmann. Auch die verbeamteten Kollegen, die nun einspringen müssten, hätten schließlich ein Interesse daran, dass der Streik Erfolg hat.

Neben der Angleichung der Gehälter kämpfen die Streikenden auch für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen an den Schulen, die alle betreffen. "An meiner Schule streiken wir an zwei Tagen mit und wechseln uns ab, sodass alle Abiprüfungen stattfinden können", berichtet auch Henny Schmid. Unter ihren Kollegen erlebt sie eine große Solidarität. Erst seitdem die Streiks den Schulalltag mitbestimmen, würde allerdings auch offen über die Gehälter gesprochen. "Erst jetzt sind allen die Unterschiede klar."

Solidarität erfahren die Lehrer auch von den Schülern. Am Ende der Kundgebung auf der Bühne am Molkenmarkt geht ein junger Mann schnurstracks auf die Moderatorin zu. Er dreht sich zum Publikum und spricht, während er nervös von einem Bein auf das andere schwankt, einen Aufruf ins Mikrofon. Es ist ein Aufruf zum Schülerstreik zur Unterstützung der Lehrer: "Wir wollen zeigen, dass auch wir die Situation ungerecht finden."

Mehr Geld für angestellte Lehrer

Mehrheit der Leser steht hinter den Forderungen

Eine Woche lang dauerte der Lehrerstreik Mitte Mai in Berlin. Und obwohl die angestellten Lehrer dafür sogar die Woche mit den letzten Abiturprüfungen nutzten, findet ihre Forderung breite Zustimmung. So antwortete auch eine Mehrheit von 59 Prozent der Teilnehmer an unserer Leserfrage auf: "Sollten angestellte Lehrer mehr verdienen?" mit Ja. 41 Prozent entschieden sich dagegen. Die Senatsverwaltung für Finanzen findet die Forderungen nach einer Gehaltserhöhung jedoch nicht gerechtfertigt, da bereits mit dem Tarifabschluss vom März für den öffentlichen Dienst eine Gehaltssteigerung beschlossen wurde. Durch zusätzliche Sonderregelungen erhalten die angestellten Lehrer in Berlin in den kommenden beiden Jahren damit eine Erhöhung von 6,7 Prozent. "Angestellte Lehrer werden in Berlin sofort nach der höchsten Erfahrungsstufe bezahlt und erhalten dadurch eine Zulage von bis zu 1400 Euro monatlich", erklärt ein Sprecher der Senatsverwaltung die Regelung, die eine Annäherung an die Beamtengehälter - die grundsätzliche Forderung des Streiks - darstellen soll. "Damit verdienen angestellte Berliner Lehrkräfte wesentlich mehr als andere angestellte Akademiker im Berliner Öffentlichen Dienst und auch mehr als angestellte Lehrer in anderen Bundesländern", führt er aus.

Die Unterschiede im Gehalt

Die Lehrerinitiative "Bildet Berlin!" hat Modellrechnungen erstellt, die zeigen sollen, wie sich die Gehaltsunterschiede zwischen den verbeamteten und angestellten Lehrer auswirken. Seit 2009 zahlt Berlin angestellten Lehrern eine Zulage, um diese Differenzen zu schmälern. So steigen diese mit einem höheren Gehalt ein als andere Berufsanfänger im öffentlichen Dienst. Sie bekommen schon zum Berufseinstieg das Gehalt, das ihrer Ausbildung entsprechend der höchsten Einkommensstufe entspricht. So verdient ein Lehrer mit einem Wahlfach (meist Grundschullehrer) nach Angaben der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft 3939,75 Euro brutto, ein Lehrer mit zwei Wahlfächern (meist Gymnasiallehrer) verdient 4426,02 Euro brutto. Da diese Gehälter dann aber nicht mehr ansteigen wie bei den anderen Berufen des öffentlichen Dienstes und den Beamten, wird der Unterschied zu den Kollegen mit Beamtenstatus mit den Jahren immer größer. Angestellte Lehrkräfte mit der Laufbahnbefähigung für das Amt des Studienrats (Gymnasiallehrer) verdienen derzeit laut "Bildet Berlin!" im Laufe ihres Berufslebens 91 Prozent des Nettoeinkommens ihrer verbeamteten Kollegen, was insgesamt etwa 110 000 Euro weniger entspricht. Weitere Berechnungen unter www.bildet-berlin.de.

Jana Tashina Wörrle / jtw
Autor:

Jana Tashina Wörrle aus Charlottenburg

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