Leipziger Straße ohne Lärm und Gestank
Anwohner organisierten "Tag der freien Straße"

Wollen eine l(i)ebenswerte Leipziger Straße: Hendrik Blaukat (l.), Florian Geddert und Vera Unbehaun von der IG.
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Skaten, rollern, flanieren: Die Leipziger Straße war erstmals autofrei – zumindest für eine Stunde. Lärmgeplagte Anwohner hatten die Sonntagsaktion organisiert. Mit Aussicht auf Wiederholung.

Wer kam, bekannte Farbe: Grün stand für zu wenig Grün, Schwarz für zu viel Dreck, Gelb für unerträglichen Lärm und Rot für gefährliche Hitze. Hendrik Blaukat trug Grün, Vera Unbehaun sonniges Gelb unter der Jacke. Beide gehören zum Vorstand der „IG Leipziger Straße“ und haben wie viele Anwohner die Nase gestrichen voll. „Lärm, Dreck und die Hitze im Sommer sind unerträglich. Was wir wollen, ist eine liebenswerte und lebenswerte Leipziger Straße.“ Mit mehr Platz zum Flanieren, Skaten, Radeln, für mehr Grün und weniger Autos.

Picknick mitten auf der Straße

Wie das gehen kann, hat die Interessengemeinschaft jetzt vorgemacht. Am 28. März lud die IG zum "Tag der freien Straße" ein und besetzte mit rund 100 Leuten die Leipziger Straße zwischen Charlottenstraße und Spittelmarkt. Eltern brachten ihre Kinder mit, Anwohner radelten und picknickten mitten auf dem Boulevard, Aktivisten spazierten mit Transparenten an geschlossenen Geschäften vorbei. Aus Boxen schallte muntere Musik. Kein Auto weit und breit, nur hier und da ein Polizeifahrzeug. So schön ruhig könnte es für die Anwohner immer auf der Leipziger Straße sein.

IG-Chef Hendrik Blaukat will allerdings nicht missverstanden werden: „Wir sagen nicht, Autos komplett runter von der Leipziger Straße. Aber ein autofreier Sonntag und weitere Maßnahmen würden die Aufenthaltsqualität im Kiez deutlich verbessern.“ Davon könnten auch die Geschäfte profitieren beziehungsweise neue Läden und nicht nur Büros in die Leipziger Straße locken.

"Verständnisvolles Hinhalten"

Um den Verkehr runterzufahren, gilt auf der Leipziger Straße seit drei Jahren Tempo 30. Allerdings endet das Tempolimit kurz hinter der Charlottenstraße in Richtung Alexanderplatz, weshalb die Autofahrer ab da wieder aufs Gaspedal drücken. „Genau dort wohnen aber die meisten Anwohner, nämlich rund 6500“, sagte Hendrik Blaukat. Den Verkehrssenat hat die IG darauf schon aufmerksam gemacht und kurzfristige Lösungen angemahnt. „In der Antwort hieß es, man wolle das prüfen“, so Blaukat. Die Anwohner nennen das „verständnisvolles Hinhalten“.

Was die Abgase angeht, so gilt die Leipziger Straße, die Teil der Bundesstraße 1 ist, nach wie vor als höchstbelastet. Trotz streckenweisem Tempolimit und Durchfahrtsverbot für Diesel-Fahrzeuge. 2019 wurde an der Leipziger Straße 32 ein Stickoxid-Jahresmittelwert von 59 Mikrogramm gemessen. Das war zwar ein Rückgang um vier Mikrogramm, aber trotzdem Berliner Höchstwert.

Eine Fahrspur pro Richtung?

Hinzu kommt der Lärm an der dicht bebauten Straße. „Auf den Berliner Lärmkarten erreichen wir mit über 65 Dezibel regelmäßig Spitzenwerte“, sagte Vera Unbehaun. Im Berufsverkehr steigt der Wert auch schon mal auf über 90 Dezibel. Laut „StEP Move“, dem Berliner Stadtentwicklungsplan Mobilität und Verkehr, soll die Leipziger Straße bis 2025 von einer Hauptverkehrsstraße zu einer weniger belasteten „besonderen örtlichen Verbindungsstraße“ herabgestuft werden. Die IG ist allerdings skeptisch, ob das wirklich passieren wird. Auch eine Tram soll in den nächsten Jahren im eigenen Gleisbett über die Leipziger rollen bis zum Potsdamer Platz. Mit dem Neubau der Mühlendammbrücke ab 2023 ist zudem geplant, die Autospuren langfristig auf eine pro Fahrtrichtung zu reduzieren. Damit hätte die Leipziger Straße genügend Raum für Flaneure, Radfahrer und einen Park, wie ihn die Anwohner auf der Nordseite vorschlagen.

Einmal im Monat "autofreier Sonntag"

Bis es so weit ist, will die Interessengemeinschaft zusammen mit Verkehrsinitiativen und Umweltverbänden weiter für einen autofreien Sonntag auf der Leipziger Straße werben. Jeden letzten Sonntag im Monat – vorerst bis Juni – bekennen die Anwohner dann wieder Farbe. Mitten auf der Leipziger Straße.

Autor:

Ulrike Kiefert aus Mitte

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